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Aktualisiert: vor 2 Stunden 1 Minute

Bruckner, Anton - Sinfonie Nr. 4 WAB 104

4 Januar, 2018 - 08:33

Für Tournee und Touristen?

Muss man das verstehen? Innerhalb kürzester Zeit kommen gleich drei verschiedene Versionen von Bruckners Vierter Symphonie heraus, dirigiert von Christian Thielemann. Ist seine Interpretation so genial, dass sie das rechtfertigt?

Natürlich gab es schon immer große Bruckner-Dirigenten, die sich mehrfach ins Aufnahmestudio begeben und mehrere Versionen ‚ihrer‘ Bruckner-Interpretationen vorgelegt haben. Meist mit großem zeitlichen Abstand, so dass die Neuaufnahme eine an Erfahrung gereifte oder zumindest tontechnisch fortschrittlichere Version darstellt. Erinnert sei an Günter Wand und seine Bruckner-Zyklen bei RCA: erst mit dem Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester in den 1970er-Jahren, dann mit dem NDR Sinfonieorchester und später mit den Berliner Philharmonikern live. Wobei hier die spätere Aufnahme des greisen Maestro aus den frühen 2000er-Jahren diejenige ist, die das Moderne, Radikale, Deskonstruktivistische, nachgerade Giganteske Bruckners noch deutlicher hervorhebt und zudem mit dem Berliner Orchester ein solche Brillanz entfacht, dass die Neueinspielung ein wahrer Glücksfall für Bruckner-Fans ...

Mozart, Wolfgang Amadeus - Arien

3 Januar, 2018 - 07:19

Markante Eleganz

Juan Diego Flórez legt mit seinem ersten Mozart-Album einen überzeugenden Startschuss für hoffentlich folgende Rollendebüts vor.

Startenor Juan Diego Flórez hat beim Label Sony sein erstes Mozart-Album herausgebracht. Das ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert, denn Flórez hat im Laufe seiner Karriere noch keine einzige Mozart-Partie auf der Bühne verkörpert. Das liegt keineswegs an Unvermögen oder Desinteresse – es hat sich neben all seinen schon legendären Interpretationen von Rossini-, Donizetti- und Bellini-Rollen schlicht nicht ergeben. Dabei ist Flórez schon früh mit Mozarts Musik in Berührung gekommen und ist - laut Beiheft - der Faszination dieser Musik sofort erlegen. In seinen Konzerten hat er die wichtigen Tenorarien Mozarts längst im Repertoire, auf Tonträger gab es seinen Mozart-Gesang bislang nicht zu erleben – sieht man einmal von der 'Mitridate'-Einspielung unter Christophe Rousset aus den Neunzigern ab, in der Flórez in einer winzigen Nebenrolle agiert.

Bach, Johann Sebastian - Die Kunst der Fuge, arr. von Hans-Eberhard Dentler

2 Januar, 2018 - 08:32

Kunst des Sich-Fügens?

Die ultimative, einzig wahre Aufführung eines rätselhaften Werkes? Mit diesem Anspruch kommt eine Neuaufnahme daher (mit mehr als zwanzig Jahren Vorlauf). Überzeugend?

Hans-Eberhard Dentler hat ein sehr gelehrtes und zugleich sehr dogmatisches Buch über Bachs 'Kunst der Fuge' geschrieben (im Jahr 2000 erschienen auf Italienisch in Mailand 2000 und auf Deutsch bei Schott 2004). Das ‚pythagoreische Werk und seine Verwirklichung’ liegt ihm so sehr am Herzen, dass er schon 1996 das darauf zugeschnittene Ensemble L’Arte della Fuga gründete: Ein Quintett aus Violine, Bratsche, Violoncello, Kontrabass und Fagott leitet er aus Bachs im Autograph verwendeten Chorschlüsseln her, bringt sie mit pythagoreischer Sphärenharmonie und über diverse Autoren von Platon über Cicero bis Johannes Kepler mit den klingenden ‚Saiten’ als deren symbolischer Entsprechung zusammen (wobei auch das Singen, der Atem im Blasinstrument Raum erhält). Dentler widerspricht vehement gängigen Thesen, Bach habe die nicht näher bezeichnete Handschrift wahr...

Wagner, Richard - Konzertouvertüren

2 Januar, 2018 - 08:32

Der Unbekannte Wagner

Es gibt Werke von Richard Wagner, für die sich die Nachwelt in gewisser Weise zu schämen scheint. Seine frühen Ouvertüren lassen den späteren kompositionsgeschichtlichen Revolutionär kaum schon erahnen. Märkls geballte Sammlung hat aber Informationswert.

Der Titel ‚Concert Overtures‘ (Konzert-Ouvertüren) erfüllt eine eher distinktive Funktion, grenzt er diese Naxos-Veröffentlichung doch deutlich genug von jenen ‚Ouvertüren und Vorspielen‘ ab, die in der Wagner-Diskographie die orchestralen Ohrwürmer vom 'Fliegenden Holländer' bis zur sakralen 'Parsifal'-Esoterik versammeln. Tatsächlich sind aber nur die beiden ersten Ouvertüren, die Wagner als Student 1831/32 in Leipzig schrieb, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zunehmend beliebten und etablierten Gattung ‚Konzertouvertüre‘ in Reinform zuzurechnen (symphonische Sonatensatzform mit kurzer Durchführung und final effektvoll gesteigerter Reprise und Schluss-Coda). Zwei weitere Ouvertüren stammen aus ansonsten nicht mehr erhaltenen Bühnenmusiken zu Ernst Raupachs Tragödie 'König Enzio' (no...

Musical Friendship - Svjatoslav Richter spielt Klavierwerke von Prokofjew

1 Januar, 2018 - 08:50

Ein Komponist, der seinen Interpreten fand

Divox präsentiert eine erfreuliche Neuauflage dieser sensationellen Aufnahmen, die belegen, was für ein phänomenales Gespür Richter für die Werke seines Landsmannes hatte.

Das Wichtigste zuerst: Mit der Doppel-CD zur ‚musikalischen Freundschaft‘ von Prokofjew und Richter legt Divox leider keine bislang ungehörten Aufnahmen vor, sondern veranstaltet lediglich eine Neuauflage dieser – gleichwohl sensationellen – Konzertmitschnitte, die bereits 1989 bei Memoria erschienen waren. Auch wenn es andere, hochverdiente Interpreten Prokofjews gibt - unter anderen etwa Boris Berman, Nikolai Petrov,Yefim Bronfman und Frederic Chiu -, ragt Richter doch heraus: Er gibt alle Werke, von den beiden großen Sonaten bis hin zu den kurzen Charakterstücken der zweiten CD, mit bestechender Klarheit, packendem Rhythmus und staunenswerter dynamischer Differenzierung wieder. Dabei tritt der Interpret nie in den Vordergrund, sondern lässt die Musik sprechen. Es entsteht der Eindruck: So muss es sein. Dass Prokofjew selbst von Richters Spiel beeindruckt war und ihm in der Folge seine S...

Rore, Cipriano de - Porträt des Künstlers als ausgehungerter Hund

31 Dezember, 2017 - 08:47

De Rore im Porträt

Björn Schmelzer setzt seinen Weg mit Graindelavoix konsequent und unbeirrt fort. Vor allem immer reflektiert und gut begründet. Man weiß eben nicht, wie diese Musik wirklich gesungen wurde. Und Schmelzer kann zeigen, dass es auch so gewesen sein könnte.

Die neue Platte des eigenwilligen belgischen Vokalensembles Graindelavoix bietet ein Programm mit Madrigalen von Cipriano de Rore, unter anderem zeitweilig Kapellmeister an Venedigs Markusdom. De Rore wird im auf den ersten Blick seltsam oder kurios anmutenden Titel der Produktion mit einem ‚Porträt des Künstlers als ausgehungerter Hund‘ gewürdigt. Björn Schmelzer, intellektueller Vorreiter eines anderen Blicks auf die Musik aus Renaissance und Mittelalter und umtriebiger Leiter von Graindelavoix, speist diese Perspektive auf de Rore aus einer vergleichenden Bildbetrachtung: In Albrecht Dürers ‚Melancolia I‘ ist an der Seite einer geflügelten Frau ein ausgemergelter Hund zu sehen, stellvertretend für die körperlichen Sinne, die im Zustand intensiver Inspiration quasi ausgehungert seien und so die Spannkraft hervorbringen, kreativ zu agieren, wahrhaft schöpferisch zu...

Clara Schumann & Beethoven - Klavierkonzerte

30 Dezember, 2017 - 06:59

Claras und Ragnas persönliche Handschrift

Beethovens Viertes Klavierkonzert ist ein Repertoire-Stück. Und zwar eines, das schon Clara Schumann mit eigener Kadenz spielte. 'Clara' als Konzert-Pianistin und Komponistin rückt in Ragna Schirmers neuer Aufnahme ins Visier.

Auch das a-Moll-Konzert der fünfzehnjährigen Clara Wieck ist zumindest auf Tonträgern fast ein Repertoirestück: Veronica Jochum, Dirigententochter und vor gut zwei Jahrzehnten auf dem Label Tudor gewissermaßen die Spezialistin und oft Pionier für Claras Kompositionen, hat 1988 eine beachtliche Aufnahme mit den Bamberger Symphonikern vorgelegt. Seither fanden zwei weitere Aufnahmen mit Margarita Höhenrieder (RCA 2000) und Francesco Nicolosi (Naxos 2004) durchaus größere Verbreitung; während Jochum und Nicolosi ein reines Clara-Porträt präsentiert haben, indem das spätere Klaviertrio op. 17 das Konzert op. 7 ergänzt, hat Höhenrieder Robert Schumanns Konzert daneben gesetzt. Wobei man bei Höhenrieder, aber auch Nicolosi mit größeren Schwächen der Orchesterbegleitung leben muss, deren klangliche Faktur und auch musikalische Dramatu...

Alkan, Charles-Valentin - Kammermusik

29 Dezember, 2017 - 07:21

Konkurrenz zu preiswert

Diese Alkan-Sammlung bietet neben einem traumwandlerischen Verständnis einiger Interpreten für diese Musik auch allerlei durchschnittliches sowie manchen Missgriff, auch klanglich. Insgesamt kann man damit allerdings durchaus glücklich werden.

Konkurrenz zu preiswert – so könnte man die vorliegende Box mit 13 CDs beschreiben. Die vorliegenden Interpretationen sind teilweise seit langem mit Leichtigkeit auf dem Markt verfügbar, darunter drei Marco Polo-CDs und eine Naxos-CD. Die Orgel-CD war früher bei Nimbus verfügbar. Der Rest sind Eigenproduktionen.

Betrachtet man die vergleichsweise geringe Zahl an kompletten Opera, die in der vorliegenden Edition versammelt sind, überlegt man sich, wie viele CDs Alkans Schaffen wohl insgesamt erfordern würde. Nur 76 Opuszahlen hat Alkan vergeben (opp. 12 und 16 jeweils doppelt), und die Menge seiner Werke ohne Opuszahl ist überschaubar bzw. andere Werke (darunter eine Sinfonie in h-Moll) sind verschollen.

Naxos/Marco Polo lässt grüßen

Der Name Laurent Martin ist in der Alkan-Diskografie wohl bekannt. Neben zwei lange vergriffenen CDs...

Vivaldi, Antonio - Blockflötenkonzerte

29 Dezember, 2017 - 07:21

Temminghs Vivaldi

Stefan Temmingh und das Capricornus Consort Basel bieten frische, aber nicht überdreht daherkommende Vivaldi-Konzerte, die auch Kontemplation und gewisse Freiheiten kennen. Eine eigenwillige Deutung mit manch besonderer Note.

Dass der grandiose und vielfach gelobte Blockflötenvirtuose Stefan Temmingh nach etlichen programmatisch anspruchsvollen Alben, zum Beispiel in intensiver Zusammenarbeit mit Dorothee Mields, nun auch einmal reinen Kanon spielen möchte, ist legitim und bedarf keiner Rechtfertigung: Sein persönlicher Blick auf Vivaldi sollte so selbstverständlich akzeptiert sein, wie das bei einem Bariton mit dessen 'Dichterliebe' oder bei einem Pianisten mit dessen ‚Mondschein-Sonate’ der Fall ist: Dass es in jedem der Fälle schon dutzende Aufnahmen gibt, oft etliche mit Referenzcharakter, stellt das künstlerische Sehnen der nachgeborenen Interpreten nicht in Frage.

Und Temmingh vermeidet alles, was ihm den Vorwurf einbringen könnte, bloß eine Lücke in seiner Diskografie schließen zu wollen. Er geht das Vorhaben gründlich und reflektiert an, wählt mit dem spiel...

Gulda, Friedrich - Message From G

28 Dezember, 2017 - 08:53

Visionen aus einer längst verwehten Zeit

Friedrich Gulda und Ursula Anders im Konzert.

An Selbstbewusstsein hat es Friedrich Gulda noch nie gemangelt. Das Gymnasium hat er wegen seines Musikstudiums abgebrochen. Über seine Reifeprüfung, die er mit 17 Jahren an der Musikakademie ablegte, soll er gesagt haben: ‚Da war das vollständige Professorenkollegium versammelt, und die haben – wie sie sehr wohl wussten – zum letzten Mal ein Gulda-Konzert gratis gehört. Sie haben mich, ich glaube drei Stunden spielen lassen.‘ Ein Jahr zuvor hatte er bereits den renommierten internationalen Genfer Musikwettbewerb 1946 gewonnen.

Glenn Gould und Friedrich Gulda waren die beiden Pianisten, die nach 1945 die Klassikgemeinde gehörig aufmischten. Während Glenn Gould vielleicht interpretatorisch mehr an die Grenzen ging, öffentliche Auftritte vermied und sich ab 1964 ins Plattenstudio zurückzog, suchte Gulda öffentlich die Konfrontation mit unkonventionellen Konz...

Locatelli, Pietro Antonio - L'Arte Del Violino

27 Dezember, 2017 - 08:15

Eintönig und verstaubt? Von wegen!

Die niederländische Violinistin Lisa Jacobs widmet sich gemeinsam mit den String Soloists auf ihrer 2016 bei Cobra erschienen CD 'L'arte del violino' drei Violinkonzerten des spätbarocken Komponisten Pietro Locatelli.

Die Violinkonzerte von Pietro Locatelli gehören nicht unbedingt zum Standardrepertoire für Violine. Auf ihrer neuen CD ‚L’arte del violino‘ widmet sich die niederländische Violinistin ausschließlich Violinkonzerten des barocken Komponisten. Wer glaubt, eine eher langweilige Aneinanderreihung und eintönige Sammlung typisch barocker Werke zu finden, die eher etwas für Liebhaber ist, täuscht sich: Die Werke Locatellis sind sowohl abwechslungsreich als auch hörenswert und werden von Lisa Jacobs und den String Soloists so feinfühlig und spannend interpretiert, dass das Hören der CD zu einem äußerst kurzweiligen und eindrucksvollen Erlebnis wird.

Pietro Locatelli war zu Lebzeiten selbst ein berühmter Geiger, der vor allem in Italien und Deutschland tätig war. Er veröffentlichte 1733 sein Werk ‚L’arte del violino‘, das ...

Dvorak, Antonin - Sämtliche Streichquartette

26 Dezember, 2017 - 08:02

Höhen und Tiefen

Diese Schatzkiste für Quartettfreunde hält alles vor: Bekanntes, das in dieser Form überflüssig ist, aber auch unerwartete Entdeckungen.

Vierzehn Streichquartette hat Dvořák geschrieben und damit fast Beethovens Quartettzahl erreicht. Während aber dessen 16 Werke nahezu alle gleichermaßen im Konzertsaal auftauchen, sind es bei Dvořák allenfalls fünf: die drei letzten, die er während seines Amerika-Aufenthalts bzw. unmittelbar danach geschrieben hat, und dann und wann noch die beiden Quartette opp. 51 und 61.

Die Quartette aus den siebziger Jahren erscheinen höchstens einmal auf einer Gesamtaufnahme, wie sie hier vorliegt. Offensichtlich gibt es bei den Musikliebhabern, insbesondere bei der verschworenen Gemeinde der Quartett-Enthusiasten aber durchaus das Interesse an den früheren Werken, denn Brilliant Classics legt hier eine Gesamtaufnahme vor, die bereits in den Jahren 1987 bis 1993 entstanden ist und schon einmal auf dem Markt war. Alle Einspielungen wurden mit der Ursprungsbesetzung des Stamitz...

Mahler, Gustav - Sämtliche Sinfonien (Michael Gielen Edition Vol. 6)

25 Dezember, 2017 - 08:55

Eine ganze Welt

Besser wird's nicht: Gielen dirigiert alles von Mahler.

Da Gustav Mahler Michael Gielens erklärter Lieblingskomponist ist, kommt diesem sechsten Teil der Gielen-Edition eine Sonderstellung zu. Hier kommen in besonderer Schärfung Gielens musikalische Haltung und seine dirigentische Persönlichkeit zum Ausdruck. Dementsprechend umfangreich fällt diese Box mit 17 CDs (in Papphüllen) und einer DVD aus. Enthalten sind sämtliche Sinfonien, darunter auch die Zehnte in der Aufführungsversion von Deryck Cooke sowie der 'Blumine'-Orchestersatz aus der Ersten. Das Eröffnungs-'Adagio' aus der Sinfonie Nr. 10 gibt es übrigens auch noch als Einzelsatz aus der Mahler-Gesamtausgabe nach Erwin Ratz. Die Orchesterlieder sind ebenfalls vollständig vorhanden, erstmals veröffentlicht werden hier übrigens die 'Rückert-Lieder' und die 'Lieder eines fahrenden Gesellen' unter Gielen. Alle anderen Aufnahmen, die aus den...

Piazzini, Carmen spielt - Werke von Schumann, Brahms & Schubert

24 Dezember, 2017 - 08:10

Heimliche Lauscher

Robert Schumann, Johannes Brahms, Franz Schubert interpretiert von Carmen Piazzini

Nach bereits 50 produzierten CDs präsentiert die argentinische Pianistin Carmen Piazzini eine Zusammenstellung von Werken dreier Komponisten der Romantik. Schon der Titel entführt in romantische Sehnsucht: ‚…für den, der heimlich lauschet‘. Gemeint sind die klanglichen Welten Robert Schumanns, Johannes Brahms und Franz Schuberts.

Carmen Piazzini beginnt mit Robert Schumanns dreisätziger 'Fantasie' in C-Dur. Das Werk zeigt sich geprägt von Jean Pauls Roman ‚Titan‘, dessen Technik episodenhaft verschlungener Erzählstränge Schumann musikalisch umsetzt. Carmen Piazzini hält diesen komplexen Spannungsbogen bis zur letzten Note durch, kristallisiert mit Dynamik und Anschlag die cholerischen und besonnenen Kräfte dieses Werks heraus. Deutlich hervor tritt auch die Melancholie des ersten Satzes, die der autobiografischen Entsagung des jungen Schuman...

Hausegger, Siegmund von - Barbarossa

24 Dezember, 2017 - 08:10

Jubel und Ruhe

Warum Hausegger ein so vielgestaltiger Komponist ist, dessen Wiederentdeckung sich durchaus lohnt, wird auch in dieser Einspielung wieder deutlich.

Als einer der vergessenen Komponisten aus dem deutssprachigen Raum, denen cpo in den letzten Jahren zu neuer Bekanntheit zumindest auf dem Tonträgermark verhilft, dürfte Siegmund von Hausegger (1872-1948) nicht zuletzt aufgrund der 'Natursinfonie' kompositorisch zu den faszinierendsten Figuren gehören. Vorliegende CD mit dem schwedischen Norrköping Symphony Orchestra (Norrköpings Symfoniorkester) unter Antony Hermus bildet bei cpo die dritte Veröffentlichung mit Werken des gebürtigen Grazers. Die hier zu hörende dreisätzige, rund 50 Minuten umfangreiche sinfonische Dichtung 'Barbarossa' und der etwa eine Viertelstunde einnehmende Orchesterliederzyklus 'Drei Hymnen an die Nacht' nach Gedichten von Gottfried Keller wurde bereits 2011 aufgenommen. Aus unbekannten Gründen erscheint die Einspielung aber erst jetzt. Warum Hausegger ein so vielgestaltiger Komponist is...

Bach & Ysaye - Violinwerke

21 Dezember, 2017 - 08:16

Tiefendimensionen

Mit einer dritten CD beschließt die Geigerin Antje Weithaas ihr Großprojekt einer kombinierten Einspielung der Violin-Solowerke von Johann Sebastian Bach und Eugène Ysaÿe.

Da ist er nun also endlich: der Abschluss des dreiteiligen Projekts einer Gegenüberstellung von Johann Sebastian Bachs sechs Sonaten und Partiten für Violine solo BWV 1001–1006 und Eugène Ysaÿes 'Six Sonates pour violon seul' op. 27 durch die Geigerin Antje Weithaas. Wie die beiden 2015 und 2016 erschienenen Vorgänger-CDs ermöglicht diese letzte Folge einen aufschlussreichen Vergleich einzelner Werke der Solozyklen. Dies führt dazu, dass beide historisch weit auseinander liegende Positionen einander gegenseitig beleuchten und man die einzelnen Kompositionen weitaus vielschichtiger erleben kann als je zuvor.

Bereits beim Hören von Bachs zu Beginn erklingender Sonata III C-Dur BWV 1005 lässt die ganze Bandbreite der Ausdrucksmöglichkeiten erahnen, die der Geigerin zur Verfügung stehen: Der tastende Duktus, mit dem Weithaas das präludierende Adagio vom...

Croce, Giovanni - Motetten und Sacrae Cantiones

20 Dezember, 2017 - 08:00

Hörenswerte Mehrchörigkeit

Giovanni Croce steht in einer beeindruckend großartigen Reihe. Es ist entzückende – sicher nicht alles vor und nach ihr verschattende – Musik voller Lebendigkeit. Genauso so singen und spielen Voces Suaves und Concerto Scirocco das schöne Programm.

Denkt man an venezianische Musik älterer Provenienz, kommen spontan Namen wie Willaert, zweierlei Gabrieli, natürlich Monteverdi und später Cavalli in den Sinn. Doch mitten in dieser Reihe, parallel zu Giovanni Gabrieli und nur wenige Jahre vor Claudio Monteverdi gibt es einen Namen, der heute weniger geläufig ist: Giovanni Croce (1557-1609) war nach langsamem Aufstieg in der Hierarchie an San Marco in seinen letzten Jahren als Kapellmeister in einer hochreputierlichen Position. Qualifiziert hatte ihn dafür neben seiner offenbar überzeugenden praktischen Arbeit auch sein kompositorisches Werk. Das war zu seiner Zeit geschätzt und behauptete dank etlicher Nachdrucke auch nach dem Tod des Komponisten noch einige Präsenz. Auf der aktuellen Platte der Ensembles Voces Suaves und Concerto Scirocco stehen vor allem Motetten aus dem 1594 erschienenen ersten Motettenbuch im Mittelpunkt. Es sind übe...

Suppé, Franz von - Il Ritorno del Marinaio

19 Dezember, 2017 - 08:53

Vielleicht zu Recht vergessen

Als Raritätensammler ist man dankbar, diese vielleicht zu Recht vergessene Suppé-Oper einmal hören zu können. Im CD-Regal oder gar in kommenden Spielplänen braucht man den 'Heimkehrenden Matrosen' aber nicht.

Beim Raritätenlabel cpo gibt es wieder einmal eine wirkliche Ausgrabung zu erleben: 'Il Ritorno del Marinaio' von Franz von Suppé. Wie auch Jahrzehnte später bei seinem Kollegen Franz Lehár war für Suppé der Wunsch, Opern zu schreiben, nie gänzlich erloschen, obwohl oder gerade weil er als Operettenkomponist einen so fabelhaften Ruf und entsprechenden Erfolg hatte. Bereits früh wurde eine Suppé-Oper zum Misserfolg, dann kamen die großen Operetten wie 'Boccaccio' oder 'Die schöne Galathée'. Doch die Sehnsucht nach der ‚seriösen’ Kunst blieb bis in Alter gegenwärtig. So findet sich im Jahr 1885 die Uraufführung eines neuen Suppé-Opernversuchs in Hamburg. Das Werk heißt 'Die Heimkehr des Matrosen' und weil der neue Zweiakter nicht abendfüllend ist, gibt man nach der Uraufführung noch de...

For Seasons - Violinwerke von Vivaldi, Rameau u.a.

19 Dezember, 2017 - 08:53

Vivaldi als seichte Unterhaltung

Musikalisch und stilistisch an Klassik Radio angelehntes Programm, das Antonio Vivaldis 'Vier Jahreszeiten' meist unmotiviert mit dreizehn kurzen Stücken, die jeweils für einen Monat stehen, verbindet.

Eigentlich eine interessante Idee: Daniel Hope, nicht nur einer der weltbesten Geiger, sondern auch ein politisch und gesellschaftlich engagierter Musiker und ein kluger Mensch, der jüngst mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden ist, bringt bei der Deutschen Grammophone eine Aufnahme heraus, die Antonio Vivaldis 'Vier Jahreszeiten' mit zwölf (bzw. dreizehn) weiteren Stücken bereichern soll. Es handelt sich in den meisten Fällen um arrangierte Stücke, die jeweils für einen Monat des Jahres stehen und aus ganz unterschiedlichen musikalischen Traditionen und Stilrichtungen gewählt sind. Da gibt es zum Beispiel Barockmusik von Bach (die Arie 'Bete aber auch dabei', die für den Monat November steht) und Rameau (der 'Danse des Sauvages' für den Monat Februar). Es gibt Romantisches von Tschaikowsky und Robert Schumann ('Am leuchtenden Sommermorgen' p...

Piazzolla, Astor - Kammermusikwerke

18 Dezember, 2017 - 07:37

Kleine Besetzung für große Musik

Astor Piazzolla und der entscheidend von ihm mitgesprägte Tango Nuevo erfreuen sich schon seit Jahren großer Beliebtheit. Aber wie spielt man diese Musik 'richtig'?

Zwei junge Musiker aus den USA legen mit ‚Legacy‘ ihre zweite Piazzolla-CD vor. Darauf sind sehr bekannte Titel mit weniger bekannten gut gemischt. Im Zentrum stehen die 'Cuatro estaciones porteñas', die Vier Jahreszeiten. Piazzolla nimmt hier bekanntlich Bezug auf Vivaldis Jahreszeiten-Konzerte, und so liegt es nahe, dass der Geiger Tomás Cotik sich mit dieser Musik beschäftigt. Sein Partner am Klavier ist der chinesisch-stämmige Tao Lin. Ein Duo klingt für die klangliche Darstellung von Piazzollas Musik allerdings ein bisschen dünn, weshalb denn Tomás Cotik auch die meisten Stücke bearbeitet und dann und wann durch Kontrabass oder Perkussion ergänzt hat.

Mit den Aufnahmen von Piazzollas 'Quinteto' – also mit der Originalversion – im Ohr tut man sich schwer, in die Musik dieser CD hineinzufinden. Dabei geht es nicht nur darum, dass k...