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Aktualisiert: vor 55 Minuten 36 Sekunden

Schostakowitsch, Dmitri - Sämtliche Sinfonien

19 April, 2018 - 08:03

Profilarmer Kraftakt

Das Nationale Sinfonieorchester Tatarstan unter Alexander Sladkovsky scheitert beeindruckend an sämtlichen Schostakowitsch-Sinfonien.

Es geschehen noch Zeichen und Wunder: Bei Melodiya, dem ehemaligen staatseigenen Label der Sowjetunion, erscheint eine komplette Neueinspielung der Sinfonien von Dmitri Schostakowitsch (1906-1975). Ist man von Melodiya sonst hauptsächlich CD-Wiederauflagen russischer Archivaufnahmen gewohnt, wurde hier nun eine regelrechte Kraftleistung vollbracht: Innerhalb des Jahres 2016 spielte das in Kazan beheimatete Nationale Sinfonieorchester Tatarstan unter seinem Chefidirgenten Alexander Sladkovsky alle 15 Werke ein, unter Mitwirkung des staatlichen Grand Choir Masters of Choral Singing für die Sinfonien mit Chor Nr. 2, 3 und 14. Dass es sich um eine russische Produktion handelt, merkt man nicht zuletzt an der Aufmachung. Die schick mit an Kandinsky erinnernden Grafiken bedruckten Einzelpapphüllen für die CDs sind sowohl Kyrillisch als auch Englisch bedruckt. Zudem gibt es für jede der beiden Sprachen jeweils ein Bo...

Meyerbeer, Giacomo - La Prophète

19 April, 2018 - 08:03

Prophetisches aus Essen

Dieser 'Prophète' ist eine wirklich mitreißende Grand Opéra mit hervorragenden Sängern unserer Zeit.

Einst war sie ein regelrechter Blockbuster: Giacomo Meyerbeers Grand-Opéra 'Le Prophète', die 1849 in Paris zu Uraufführung gelangte. Um den meistgespielten Opernkomponisten des 19. Jahrhunderts wurde es im 20. Jahrhundert aber deutlich ruhiger. Vereinzelt gab und gibt es Aufführungen von 'Les Huguenots' oder auch 'Robert le Diable', doch immer nur dann, wenn eine adäquate Besetzung die in jeder Hinsicht gigantischen Werke zu stemmen vermag. Und tatsächlich ist diese Aufgabe in 'Le Prophète' von besonderer Schwierigkeit, denn neben einem höhen- und stilsicheren, lyrisch grundierten und zugleich dramatischen Tenor, braucht diese Oper einen Koloratursopran, der sich auch vor dramatischen Zugriffen nicht scheut und einen ausdrucksstarken Mezzosopran, der einen Stimmumfang von mehr als zwei Oktaven zu bieten hat. Hinzu kommen freilich zahllose Nebenrollen, Chor...

Beethoven Rarities - Klavierkonzert D-Dur op. 61a, Wellingtons Sieg u.a.

18 April, 2018 - 06:53

Beethoven reloaded

Claire Huangci und das Brandenburgische Staatsorchester leisten einen wertvollen Beitrag, um eine völlig unterschätzte Bearbeitung aus dem „Dornröschen-Schlaf“ zu erwecken.

Die Carl Philipp Emanuel Bach Konzerthalle in Frankfurt/Oder kennt die Pianistin Claire Huangci gut – oft schon ist sie dort in der Vergangenheit aufgetreten. Für das vorliegende, insgesamt vierte von ihr eingespielte Album bildete diese Location den Rahmen als Aufnahmeort. So vertraut die Umgebung für die junge amerikanische Künstlerin chinesischer Abstammung ist, so ausgefallen und speziell ist das konzeptionelle Format der Platte. Sämtliche Stücke stammen aus der Feder Beethovens – soweit nichts Ungewöhnliches. Die Besonderheit liegt in dem erklärten Fokus auf Raritäten, zudem handelt es sich um kein reines Intrumentalprojekt, sondern eine Verbindung von Solokonzert mit Orchesterwerken.

Schlüssige Synthese

Den Klavierpart übernimmt Huangci in der kaum bekannten, tatsächlich aber vom Komponisten selbst angefertigten Alternativ-Ve...

Still und Nacht - Lieder von Fürstenthal, Strauss, Schumann, Schubert u.a.

17 April, 2018 - 07:57

Ungeschönt, authentisch und mutig

'Stille und Nacht' ist eine CD zum Träumen und Nachdenken, auch zum Genießen und definitiv zum Freuen auf Zukünftiges.

Der junge österreichische Bariton Rafael Fingerlos steht am Beginn seiner bereits beachtlichen Karriere. Als Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper und als Gast in Dresden, Salzburg und anderen renommierten Bühnen feierte der charismatische Sänger große Erfolge. Nun liegt beim Label Oehms sein erstes Soloalbum vor, auf dem sich Rafael Fingerlos ausschließlich dem Liedgesang widmet – einer Kunstform, die ihm offenbar eine Herzensangelegenheit ist. So setzt Fingerlos im eigens verfassten Begleittext zu seiner CD auch klare Zeichen für einen authentischen und emotionalen Zugang zu den ausgewählten Liedern und für die wirklich außergewöhnliche Aufnahmesitzung des Albums ‚Stille und Nacht‘: Der Sänger und sein Pianist Sascha El Mouissi haben das Album zwar unter Studiobedingungen eingespielt, verzichten aber auf kleinteilige Schönheitskorrekturen und die digi...

Bach, Johann Sebastian - Kantate BWV 80 & Messe BWV 235

17 April, 2018 - 07:57

Bach vom Fachmann

Frieder Bernius musiziert mit beeindruckendem Chor und transparentem Orchester Bachs 'Missa in g' und 'Ein feste Burg'. Die Aufnahme bringt keine neuen Erkenntnisse zur erklingenden Musik, besticht aber durch ihre unaufgeregte Art.

Frieder Bernius ist eine Größe im Barock-Repertoire. Im Juni 2017 nahm er zwei Werke von Johann Sebastian Bach auf. Und noch im Reformationsjahr sind sie in einer nicht eben umfangreichen, aber feinen CD erschienen: die 'Missa in g' BWV 235 und 'Ein feste Burg ist unser Gott' BWV 80. Im Mittelpunkt stehen Chor und Orchester. Frieder Bernius selbst hat den mittlerweile über 45 Jahre bestehenden Kammerchor Stuttgart zu einiger Berühmtheit gebracht. Und dem guten Ruf wird das Vokalensemble mehr als gerecht. Transparent im Klang, textverständlich, äußerst sauber musizierend und immer harmonierend in sich, gelingen in der 'Missa' wunderbare Akzente, die eine große Feierlichkeit, aber auch eine angemessene Leichtigkeit vermitteln. Gemeinsam mit dem Orchester gelingen dem Chor mit dem 'Kyrie' und dem 'Gloria' die musikalischen Highlights der Messe. Und gleich...

Bach, Johann Sebastian - Johannespassion (Fassung 1749)

16 April, 2018 - 08:51

Lyrische Passion

Eine sehr schöne, vor allem atmosphärisch dichte Johannes-Passion, deren herausragendes Merkmal sicher eine auf hohem Niveau enorm ausgeglichene Solistenriege ist: Weniger Sorgen musste man sich in dieser Hinsicht selten machen. Eine stimmige Aufnahme.

Alljährlich liegt zur Passionszeit die Frage in der Luft, welche neue Interpretation der großen Bach-Passionen für sich einnehmen kann. Nicht, dass ein Mangel an hinreichend Maßstäblichem zu beklagen wäre, dass persönliche Listen von vermeintlichem Ewigkeitswert nicht längst angelegt wären. Doch gibt es zugleich immer wieder Konstellationen, die interessieren, sind Ensembles und Solisten zu hören, deren Ansatz und interpretatorisches Ziel man nur zu gern kennenlernen möchte. In diesem Jahr ist eine Johannes-Passion BWV 245 in der Version von 1749 zu verzeichnen, eingesungen und eingespielt von Bachchor und Bachorchester Mainz unter der Leitung von Ralf Otto. Beigefügt sind dieser Passion noch jene alternativen Sätze, die Bachs erster Überarbeitung der Passion für das Jahr 1725 entstammen und sämtlich überaus hörenswert sind. Fraglich bleibt, o...

Bach, Johann Sebastian - Berühmte Orgelwerke

16 April, 2018 - 08:51

Der Klang der Geschichte

Johann Sebastian Bach auf der historischen Treutmann-Orgel ist ein Ausflug in die Tiefen der Geschichte.

Man muss sich nur das tiefe C im Pedal der Christoph-Treutmann-Orgel der Klosterkirche Grauhof anhören, um zu wissen, warum Joseph Kelemen sich für seine CD-Aufnahme mit berühmten Orgelwerken Johann Sebastian Bachs ausgerechnet dieses altehrwürdige Instrument ausgesucht hat. Nur vier von 42 Registern des zwischen 1734 und und 1737 angefertigten Instruments mussten Ende der 1980er Jahre durch die Orgebauwerkstatt Gebrüder Hillebrand rekonstruiert werden, sodass der Orgelkang tatsächlich aus der Tiefe der Geschichte heraufsteigt. Wie Kelemen – seines Zeichens Experte für die deutsche barocke Orgelmusik auf historischen Instrumenten  – im Booklet-Text ausführt, weist die Treutmann-Orgel ‚viele der von Bach bevorzugten Stimmen‘ auf, darunter eine Posaune-32', die vor allem dem Pedalklang Farbmacht verleiht. Auf diese Weise erstrahlt die bekannte Passacaglia und Fuge...

Aho, Kalevi - Klavierwerke

15 April, 2018 - 08:34

Gesten-Reich

Andreas Skouras' schon ältere Einspielungen der nicht sonderlich umfänglichen und konzertant verbreiteten Klaviermusik des Finnen Kalevi Aho bedeuten gegenüber Sonja Fräkis brillanter Referenzaufnahme von 2014 (BIS) eine zweite Sichtweise.

Früher noch als Sonja Fräki, die im Vorfeld ihrer Gesamteinspielung bei dem Label BIS über Ahos Solo-Klavierwerke auch wissenschaftlich promovierte, hat sich Andreas Skouras in den schon 2009 vom Deutschlandfunk produzierten Aufnahmen dieser CD des pianistischen ‚Handwerks‘ angenommen, welches der gattungsmäßig breit aufgestellte Finne zwischen 1965 und 1993 produziert hat. Aho ist wie sein Lehrer Rautavaara ein ‚Polystilist‘, der schon im Vorfeld seines Studiums an der Sibelius-Akademie in Helsinki (ab 1969) als Teenager in feinen kleinen Klavier-Préludes diverse Idiome, kontrapunktische Verfahren und schlicht auch Griffpattern verschiedener Komponisten und Zeitstile adaptierte. Mit diesen 19 zwischen 1965 und 1968 entstandenen Stücken – teils keinesfalls geringen technischen Anspruchs – als quasi ‚historischer‘ Palette musikalischen Ausdrucks und ...

Sebastiani, Johann - Matthäus Passion

14 April, 2018 - 08:10

Alternative Passion

Stubbs & Co. spielen ihre ganze musikdramatische Erfahrung zum Besten der Musik aus. Sebastiani also zwischen Schütz und Bach? Sicher. Aber auch das Dazwischen ist nicht ohne Reiz.

Johann Sebastiani (1622-1683) verbrachte seine hauptsächliche Schaffenszeit in Königsberg. 1663 entstand seine Matthäus-Passion. Wenn man sie aus der Perspektive der Renaissance oder des Hochbarock anhört, ist es Musik zwischen allen Stühlen. Wenn man aber unbefangener auf sie zugeht, zeigt sie ihre Schönheiten. Sebastiani entfaltet den biblischen Text in fließender, freier Rezitativik, reich obligat von Streichern begleitet und nicht nur darin von älteren Vorbildern deutlich in Richtung italienischer Einflüsse emanzipiert. Gemeinsam mit dem gleichfalls durchaus dramatisch angelegten Jesus-Part dieser Passion agiert der Evangelist höchst lebendig: oft auf der Basis dezidierter, sprechender Harmonik und Stimmführung. Ergebnis ist ein intensives, rasch auseinander hervorgehendes Repsonsorium der Akteure. Meist homophone Turbae sind mit leichter Hand integriert. Eine besondere Eben...

Strawinsky, Igor - Werke für zwei Klaviere

14 April, 2018 - 08:10

Ohne das gewisse Etwas

Andsnes und Hamelin spielen Strawinsky an zwei Klavieren – und überzeugen nur mit ihrer Technik.

Mit 'Le sacre du printemps' wagen sich Leif Ove Andsnes und Marc-André Hamelin an eine der bekanntesten Klavier-Transkriptionen von Igor Strawinsky. Dem zweiteiligen Werk verleihen sie zwar den Titeln gerechte Charaktere, welche jedoch ohne große Emotionalität auskommen. Obwohl Strawinskys Ballettmusik sich von der gefühlsüberladenen Romantik abgrenzt, fällt die Interpretation der beiden bekannten Pianisten viel zu neutral aus. Beeindruckend ist ihr virtuoses Spiel und der präzise Anschlag, ebenso die Synchronität und die aufeinander abgestimmten Dynamiken. Doch es fehlt letztlich das gewisse Etwas. Gerade im bekanntesten Stück des Werkes, 'Les augures printaniers', fällt dies besonders auf. Man erkennt den Versuch, den gewaltigen Streicherapparat nachzuahmen, welchen Strawinsky hier vor allem perkussiv einsetzt, aber trotz Akzentuierung ist der Anschlag zu weich.

Offenbach, Jacques - Lieder

13 April, 2018 - 07:27

Schlüpfrige Stoffe und sinnliche Tonweisen

Wie hat es der 19-jährige Offenbach in Paris geschafft, sich den Weg in die höhere Gesellschaft zu bahnen? Unter anderem mit Salonliedern wie diesen, die von den Grandes Horizontales der Epoche gesungen wurden.

Der sensationelle Erfolg von Jacques Offenbach im Paris des Zweiten Kaiserreichs und weltweit im 19. Jahrhundert hat viele Gründe. Ein zentraler war der, dass sein neuartiges musikalisches Unterhaltungstheater von den Zeitgenossen als zutiefst ‚unmoralisch‘ wahrgenommen, ja sogar als ‚sittengefährdend‘ eingestuft wurde. Bestimmte selbsterklärt-respektable Gesellschaftsschichten mieden jeden Kontakt zu allem, was mit Offenbach zu tun hatte, weswegen seine Stücke beispielsweise nie in bürgerlichen Institutionen wie der Opéra Comique reüssieren konnten und die meisten Hofbühnen seine Werke nicht auf den Spielplan setzen wollten. Gleichzeitig zog genau diese Aura des Unanständigen Scharen von Vergnügungssüchtigen in Privattheater, die als eine Art Bordell funktionierten. Nachlesen kann man das bei Emile Zola im Roman ‚Nana‘ (1880), wo solche Pari...

Dietrich, Albert - Kammermusikwerke

13 April, 2018 - 07:27

Dietrich abseits der Gemeinschaftskomposition

Albert Dietrich war nicht nur Freund von Schumann und Brahms. Er war auch ein solider Komponist. Das zeigt diese gelungene Kammermusik-Einspielung.

Albert Dietrich, 1829 geboren, war vier Jahre älter als Johannes Brahms und stammte aus Sachsen. Seine Verehrung für Robert Schumann, den er möglicherweise schon in Dresden kennengelernt hatte, brachte ihn dazu, nach dem Studium in Leipzig 1851 nach Düsseldorf zu ziehen, um bei Schumann mehr übers Komponieren und bei Clara besser Klavierspielen zu lernen. Er wurde rasch zu einem engen Freund der Familie und ihrem Kreis, insbesondere zu Johannes Brahms. Die künstlerischen Einflüsse aus dieser Zeit prägten ihn für den Rest seines Lebens, auch wenn er später – in den langen Jahren als Hofkapellmeister in Oldenburg – sich auch für die musikalischen Entwicklungen bei den ‚Neudeutschen‘ zu interessieren begann.

Davon ist in den frühen Klavierstücken, die auf dieser CD eingespielt sind, aber noch nichts zu hören. Sie atmen den Schumannsch...

Carissimi, Giacomo - Prophetische Oratorien

12 April, 2018 - 06:36

Am Puls der Zeit

Giacomo Carissimi gehört zu jenen Komponisten an der Schranke zwischen der Alten und der Neueren Musikgeschichte. Das macht es nicht einfach, sich ihm aufführungspraktisch zu nähern. Weser-Renaissance Bremen zeigt bei cpo, wie es möglich sein kann.

Das Hörerleben eines Rezensenten ist, auch wenn dies immer wieder mit viel Rhetorik weggeleugnet wird, ein Individuelles. Deshalb sei mit einer Anekdote begonnen, die aber auf einen Vorzug der vorliegenden Platte aus dem Hause cpo hinweist: Man stand noch recht am Anfang des Musikwissenschaftsstudiums und glaubte von sich, ohnehin des Wesentliche zu kennen. Wesentliches soll heißen: alles, was nach 1600 oder vielleicht besser noch ein bisschen später komponiert worden war. Das, was man als Alte Musik bezeichnet, schien langweilig. Dies bestätigte dann eine Übung zur Geschichte des Oratoriums. Hier erklang im Rahmen des ersten Referats Carissimis 'Historia di Jephte' in einer sehr puristischen Aufnahme, die dem Referenten aber schrecklich genehm war und von der heute noch weniger zu halten ist als damals, da sie Musik, die als blutvoll zu bezeichnen ist, blutleer daher kommen lässt. Die Erzä...

Schelb, Josef - Orchesterwerke Vol. 1

11 April, 2018 - 07:21

Aus der Ecke

Josef Schelb ist weithin ein Unbekannter. Toccata macht mit einigen Orchesterwerken bekannt, die allerdings etwas mehr Zündkraft entfalten könnten.

Auch an seiner Wirkungsstätte Karlsruhe ist Josef Schelb (1894–1977) über lange Zeit eine gänzlich ignorierte Größe geblieben, obwohl er (a) über mehrere Jahrzehnte Professor an der dortigen Musikhochschule war und (b) sich immerhin das Busch Kollegium Karlsruhe um Bettina Beigelbeck in Zusammenarbeit mit der Badischen Landesbibliothek um den Komponisten bemüht hat. Der diskografischen Lücke wirkt sich das Label Toccata Classics entgegen, im vorliegenden Fall durch einen kurzen Blick in Schelbs Orchesterschaffen. Die drei hier vorgestellten Werke entstanden in dem kurzen Zeitraum 1969–1972, als Schelb seinen Lebensabend in Baden-Baden verbrachte. Dabei klingt 'Movimento I' aus dem Jahr 1969 alles andere als eine betuliche Komposition eines alternden Fünfundsiebzigjährigen, vielmehr als ein rhythmisch und harmonisch komplexes, instrumental fein gewobenes Werk im Sc...

Rossini, Gioachino - Ricciardo e Zoraide

11 April, 2018 - 07:21

Vom Glück der Rarität

'Ricciardo e Zoraide' von Gioachino Rossini ist nur eingefleischten Spezialisten ein Begriff, wenn überhaupt. Naxos setzt seine Reihe mit Rossini-Einspielungen mit diesem Werk fort.

Musikfestivals, die sich nur einem Komponisten widmen, stehen immer in der Kritik. Unberechtigt ist das auch nicht, wenn man nicht nur nach Bayreuth blickt, sondern auch an vielerlei Plätze, wo oft die Ideen auszugehen scheinen. Schnell wird spürbar, dass das Oeuver nur eines Komponisten oft nicht reicht, um ein Festival für die Hörerschaft interessant zu halten. Rossini in Wildbad hat dieses Problem dadurch derzeit im Griff, dass dieses Musikfest es sich zur Aufgabe gemacht hat, den gesamten Rossini der Welt zu erschließen. Das verdient Anerkennung.

Ein Wiener Privatdozent für Musikwissenschaft, Leopold Kantner, hat auf Donizetti, den er sehr verehrte, bezogen das böse Wort geprägt, wieviele Opern dieses Komponisten wohl entbehrlich seien. Von den rund 60 bleiben nicht viele, wenn man auf den Opernbetrieb schaut. Für Rossini gilt ähnliches. Als überzeugter Verehrer de...

Martinu, Bohuslav - Sämtliche Werke für Cello und Orchester

10 April, 2018 - 07:09

Voller Effekt

Diese Aufnahme der Werke für Cello und Orchester von Bohuslav Martinu ist aus dem Klang und seinen effektvollen Schattierungen geboren. Die Konzentration auf Details erweist sich als Hindernis für den dramaturgischen Bogen.

Auch wenn Bohuslav Martinůs Cellokonzertwerke nicht gerade zum Kernrepertoire zählen, sind zumindest die beiden Konzerte und das Concertino auf Tonträger doch hinreichend vertreten. Die Neueinspielung dieser drei Werke sowie der Sonata da Camera aus Pilsen braucht sich in Sachen Effekt vor anderen Produktionen nicht zu verstecken – die schnellen Passagen sind teilweise regelrecht explosiv, die expressiven voll großer Emotion. Was vielleicht ein wenig ins Hintertreffen gerät, ist ein echtes Miteinander von Solist und Orchester. Die Aufnahmetechnik platziert Petr Nouzovsky im Vergleich zum Pilsen Philharmonic unnatürlich stark im Vordergrund, so dass die Werke im wahrsten Sinne zu Werken für Solo und Orchester geraten – aber der Dialog zwischen den beiden Partnern bleibt etwas blass.

Teilweise mag dies auch in dem unbedingten Willen aller zu großem Effekt begründet se...

Urspruch, Anton - Klavierkonzert op. 9 & Symphonie op. 14

10 April, 2018 - 07:09

Übergangswerke

Diese Doppel-CD ist ein klingendes Plädoyer für Anton Urspruch - das bislang überzeugendste. Die Einspielung der Es-Dur-Sinfonie ist glänzend gelungen.

In der Vergangenheit wurde Anton Urspruch (1850–1907) mehrfach mit eher mittelmäßigen Einspielungen gedient – oder eher: wenig gedient. Die vorliegende Doppel-CD (Spielzeit 92 Minuten) durchbricht diesen Kreis auf das Erfreulichste. Zwei substanzielle Werk präsentieren einen Komponisten in der Schumann- und Brahms-Nachfolge, einen noch nicht Dreißigjährigen, der sein Handwerk von der Pike auf gelernt hat, aber noch in eher konventionellen Bahnen wandelt. Beide Kompositionen entstanden wohl gegen Ende der 1870er-Jahre, kurz nach Brahms‘ Erster Sinfonie (leider schweigt sich der auch sonst nicht ganz souveräne Booklettext über die genauen Entstehungsdaten aus). Sicher ist das Klavierkonzert alles andere als eine Sinfonie mit obligatem Klavier – vergleicht man (motivisch wie harmonisch) mit Schumann und vom Satz her nicht nur mit Brahms, sondern vor allem auch mit Raff, Reinec...

Reichardt, Johann Friedrich - Die Geisterinsel

9 April, 2018 - 08:30

Zwischen Singspiel und großer Oper

Reichardts 'Die Geisterinsel' wurde 2002 mit einem wunderbaren Markus Schäfer, einer herrlich burschikosen Barbara Hannigan und einem gerissenen Tom Sol von Hermann Max farbenreich eingespielt.

Zur Huldigung König Friedrich Wilhelms III. kam 1798 das sogenannte Singspiel 'Die Geisterinsel' von Johann Friedrich Reichhardt zur Uraufführung. Beim Publikum kam dieses Werk bestens an und konnte im Uraufführungsort Berlin weitere 55 Aufführungen verzeichnen. Goethe verkündete das positive Urteil: ‚Die 'Geisterinsel' ist ein Musikstück von Poesie und Sprache: es lässt sich nichts Musikalischeres Denken.‘

Basierend auf Shakespeares ‚Sturm‘ kreist die Handlung um Prospero, vertriebener Herzog von Mailand und Zauberer, und seine Tochter Miranda. Die Handlung spielt an einem Tag, an dem die von Prospero im Zaum gehaltene Zauberin Sycorax wieder auferstehen und ihr Sohn, der Gnom Caliban, die Macht über die Insel erlangen soll. Prosperos Herrschaft auf der Insel soll enden, Caliban soll diese übernehmen und Miranda zur Frau bekommen. Doch ein...

Tippett, Michael - Sinfonien Nr. 1 & 2

8 April, 2018 - 07:33

Tippetts weiter Weg zur Symphonie

Michael Tippetts Ruhm als Komponist kam langsam, aber umso nachhaltiger. Vorliegende Interpretation der ersten beiden Symphonien lässt den Hörer diese Entwicklung nachvollziehen.

Ein Wunderkind war er nicht, eher ein Spätstarter: 34 Jahre alt war Michael Tippett bereits, als ihm mit dem Konzert für doppeltes Streichorchester im Jahr 1939 der erste nennenswerte Erfolg als Komponist gelang. Fünf Jahre später folgte dann der internationale Durchbruch mit dem Oratorium 'A Child of Our Time', noch heute eines seiner bekanntesten Werke. Direkt im Anschluss wagte sich Tippett 1944 an die Gattung, vor der er gehörigen Respekt hatte und für die sein erklärtes Vorbild Beethoven wie kein zweiter Tondichter steht: die Symphonie.

Tippetts symphonischer Erstling, im November 1945 unter der Leitung von Malcolm Sargent uraufgeführt, orientiert sich äußerlich an der traditionellen Viersätzigkeit mit einem Scherzo an dritter Stelle – doch die Tonsprache hat kaum noch etwas mit den neoklassizistisch angehauchten früheren Werken zu tun. Vorherrs...

Strauss, Richard - Violinkonzert & Aus Italien

7 April, 2018 - 08:21

Ein musikalischer Baedeker Süditaliens

Apollinische Klangschönheit und perfekte Tontechnik: So lässt sich das angeblich uninteressante Jugendwerk Richard Strauss' neu entdecken.

Das Violinkonzert op. 8 des jungen Richard Strauss – 1882 in München uraufgeführt – ist die Komposition eines Gymnasiasten, der noch ganz dicht am 19. Jahrhundert-Ideal des kraftvollen Beethoven-Klangs orientiert ist. Dirigent Markus Poschner stellt dieses Frühwerk zusammen mit der frühen Symphonischen Dichtung 'Aus Italien' (1886) auf einer CD vor, bei der vor allem der differenzierte und sinnliche Klang des Orchestra della Svizzera italiana auffällt. Seit der Saison 2015/16 ist Poschner Chefdirigent des Orchesters aus Lugano, und danach zu urteilen, was man hier hören kann, ist es durchaus ein Luxusklangkörper, der sich nicht vor herrlichen Smorzandi scheut und ansonsten ein geradezu apollinisches Klangbild präsentiert.

Konzertmeister Robert Kowalski übernimmt den Solo-Part im Violinkonzert, mit warmen Tönen (auf einer G. B. Guadagnini-Geige) und einem ...