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Aktualisiert: vor 15 Minuten 14 Sekunden

Satie, Erik - Sämtliche Klavierwerke

14 Oktober, 2018 - 08:50

Cosimas Erbe?

Was hat Cosima Wagner mit Erik Satie zu tun? Mehr als man denken würde.

Wer hätte gedacht, dass Cosima Wagners Érard-Flügel von 1881 als Instrument für eine Einspielung von Klavierwerken Erik Saties herangezogen werden könnte? Leider erfährt man im ausführlichen Booklet nichts über den Grund für die fast spektakuläre Instrumentenwahl oder über das Instrument selbst (heute offenbar in italienischem Privatbesitz), doch wiegt dies wenig angesichts der ausgezeichneten Interpretation der Werke, deren Ironie, Charme, Nostalgie, Raffinesse und Überspitzung Nicolas Horvath mit großer Farbenvielfalt und höchster technischer Souveränität transportiert, doch auch nicht ohne die Strahlkraft, die man von ihm als Steinway-Artist kennt. Das Érard-Instrument besitzt, anders als frühere Instrumente derselben Firma, beträchtliche Kraft, aber auch ansprechende Resonanz; die Nähe zu Zeitgenossen wie Debussy, d‘Indy...

Monteverdi, Claudio: Vespro della Beata Vergine - Collegium Vocale Gent, Philippe Herreweghe

13 Oktober, 2018 - 08:22

Reichtum

Es gibt eine große Reihe erstklassiger Einspielungen der Marienvesper. Philippe Herreweghe und seine Ensembles treten gelassen und selbstbewusst in ebendiese erste Reihe.

Claudio Monteverdis 'Marienvesper' steht wegen der schieren Höhe ihrer Kunst immer zur Diskussion, ist ein über vier Jahrhunderte hinweg unmittelbar beeindruckendes Monument der schöpferischen Kraft Monteverdis. Niemand kann davor die Ohren verschließen, der hören kann: Als janusköpfige Größe, die vom Sattelzeitpunkt 1610 auf das Alte zurückschaut, es so meisterlich integriert, dass manchem Vorgänger des großen Markuskapellmeisters schwummerig geworden wäre und gleichzeitig das Neue so sehr einbezieht, dass musikalische Sprache und ästhetischer Ansatz für Jahrzehnte vorgeprägt scheinen. Es ist also überhaupt nicht erklärungsbedürftig, wenn diese großartige Sammlung aufgeführt und eingespielt wird: Eben weil man kaum je an den Punkt kommen wird, sich an der Fülle sattzuhören, den ganzen Reichtum dieses Werks h...

Rachmaninoff, Sergej - Chorwerke

12 Oktober, 2018 - 07:58

Glaubens-Bekenntnisse

Restlos überzeugend: Der junge Dirigent Risto Joost inszeniert mit dem MDR Rundfunkchor eines der bedeutendsten Zeugnisse russischer Kirchenmusik.

Wenn ein Ausnahmesänger an das Dirigentenpult wechselt, um einen der besten Chöre bei einem Werk zu dirigieren, das dem idealen Zuschnitt auf die sinnliche Ausstrahlung der menschlichen Stimme entspricht, kann man nur lauschen. Diesen Hörgenuss schafft der estnische Countertenor und Dirigent Risto Joost, der den Feinschliff am Orchesterpult von Neeme Järvi und Esa-Pekka Salonen erhielt. Zur Spielzeit 2015/16 trat Risto Joost beim MDR Rundfunkchor die Nachfolge von Howard Arman an – ein Spitzenensemble, das er zu führen weiß. Die Einspielung von Sergei Rachmaninows 'All-Night Vigil' ('Ganznächtliche Vigil') ist bester Beleg.

Rachmaninow ging regelmäßig in die Kirche, um den alten strengen Gesängen aus dem liturgischen Buch der orthodoxen Kirche zu lauschen. Danach eilte er nach Hause und komponierte. So erzählte es sein Freund, der Komponist und P...

Prokofiev, Sergej - Klavierkonzerte 2 & 5

11 Oktober, 2018 - 07:35

Prokofjew-Feuerwerk

Der Pianist Vadym Kholodenko und das von Miguel Harth-Bedoya geleitete Fort Worth Symphony legten eine spektakuläre Interpretation von zwei Klavierkonzerten Sergej Prokofjews vor.

Diese hybride SACD sollte den ersten Teil einer Gesamteinspielung von Prokofjews fünf Klavierkonzerten bilden, die der ukrainische Pianist Vadym Kholodenko mit dem aus Peru stammenden Dirigenten Miguel Harth-Bedoya und dem Fort Worth Symphony Orchestra (Texas) in Angriff nahm. Der Tonträger erschien auf Harmonia mundi im Februar 2016; kurz darauf brach eine Katastrophe in das Leben des Pianisten ein (die beiden Töchter wurden von seiner Ex-Frau ermordet), und vermutlich deshalb wurde der Plan bislang nicht weiter verfolgt.

Aus künstlerischer Perspektive ist dies bedauerlich, denn die Einspielung sowohl des fulminanten zweiten Klavierkonzerts, mit dem der junge Komponist 1913 einen Skandal auslöste, als auch des sperrigen fünften und letzten Konzerts (1932) lässt kaum Wünsche offen. Kholodenko, der 2013 den Van-Cliburn-Klavierwettbewerb gewann, glänzt mit einem kristallklaren und ...

Hummel, Johann Nepomuk: Complete Piano Sonatas - Costantino Mastroprimiano, Klavier

11 Oktober, 2018 - 07:35

Konkurrenzfähig

Die Klaviersonaten von Johann Nepomuk Hummel erklingen hier erstmals vollständig auf Hammerklavier.

Mit nur sechs Werken ist Johann Nepomuk Hummels Klaviersonatenschaffen im Vergleich zu seinen Zeitgenossen Mozart, Beethoven oder Haydn mehr als überschaubar; von diesen sechs sind vier schon mehrfach auf dem Hammerklavier auf Tonträger vorgelegt worden. So tritt Costantino Mastroprimiano diesmal beachtlicher Konkurrenz entgegen, deren Einspielungen teilweise bis ins Jahr 1977 (!) zurückgehen. Doch muss er nicht bange sein: Mit Eleganz, klugem Formverständnis, vor allem aber bester Kenntnis von Hummels Idiom setzt er sich fast nonchalant an die Spitze des Feldes. Nicht nur wegen der C-Dur-Sonaten opp. 2/3 und 38, die meines Wissens bislang noch nie auf Hammerflügel eingespielt wurden (Mastroprimiano ergänzt sie um die Fantasina C-Dur über Themen aus Mozarts 'Le nozze di Figaro' op. 124), sondern auch indem er die einzelnen Satzcharaktere der vier anderen Sonaten stark und überzeugend he...

Poulenc, Francis: Les Biches - Suite - RTE National Symphony Orchestra, Jean-Luc Tingaud

10 Oktober, 2018 - 07:03

Tanzende Bläser

Freche Jazz-Anklänge in den 1920ern, tierische Dramatik und vorgebliche Verkleinerungen großer symphonischer Gestik in den 1940ern: Francis Poulencs doch eher wenig bekannte Orchestermusik hält hier gut gespielte Überraschungen bereit.

Um ‚Hirschkühe‘ (oder ‚Hindinnen‘) – eine Metapher, die wohl etwas anzüglich durchaus zum assozierbaren englischen Begriff mit zusätzlichem ‚t‘ hinüberdeutet – geht es in Poulencs Ballett, das bis 1923 für Sergei Diaghilevs Ballets russes entstand und diese Kompanie mit zwei Dutzend Frauen und drei Männern (‚Hirschen‘?) flirtend und interagierend auf eine Bühne mit Sofa stellte. Die fünf Sätze, die Poulenc 1939 für den Konzertsaal neu orchestrierte, paaren dabei Anspielungen an eigentlich historische Tanzformen – Rondeau und Mazurka tauchen sogar in den Szenen-Titeln auf – mit dem Ragtime-Jazz der 1920er Jahre und einer eher bläserdominierten Klangpalette mit hörbaren Ambitionen eben der mit Diaghilev ja eng verbundenen russischen Moderne um Strawinsky oder auch Prokofjew.

A...

Camerloher, Placidus von - Kammermusik, Sinfonien, Arien

10 Oktober, 2018 - 07:03

Harmonisch spannend

Ein zu Unrecht vergessener Lokalkomponist des 18. Jahrhunderts in hinreißender Interpretation.

Placidus von Camerloher (1718–1782) wird vielen unbekannt sein, nicht zuletzt weil er vor allem als Hofkapellmeister des Fürstbischofs von Freising wirkte. Dabei ist sein kompositorisches Schaffen nicht nur umfangreich, sondern auch qualitativ hochwertig. Drei Sinfonien mit teilweise außerordentlich spannenden harmonischen Wendungen struktierieren de Produktion. Die Streicher der Neuen Freisinger Hofmusik sind maximal doppelt besetzt, bleiben damit weit hinter der ‚Optimalbesetzung‘ der Freisinger Hofkapelle Mitte des 18. Jahrhunderts zurück, betonen aber die Nähe zwischen Sinfonien, Concertini (hier einem in c-Moll) und Triosonaten (hier einer in d-Moll). Leider fehlen im ansonsten vorbildlichen Booklet Informationen zu den herangezogenen Originalquellen.

Zwei besondere Spezialitäten komplettieren die attraktive Kollektion – zwei Stücke für Gallichone, eine typisc...

Vater Unser - Deutsche Geistliche Kantaten - Paulin Bündgen Clematis

9 Oktober, 2018 - 08:41

Kernbestand

Paulin Bündgen und das Ensemble Clematis mit einem kenntnisreichen Blick auf vielgestaltiges Repertoire: Ein schönes Porträt von Ensemble und Solist.

Jérôme Lejeune, Gründer des Labels Ricercar, zugleich Autor des reich ausgestatteten, schlicht vorbildlichen Booklets der aktuell von ihm herausgebrachten Platte des Ensembles Clematis sowie des Counternors Paulin Bündgen und auf der Tenor-Viola auch aktiv am klingenden Geschehen beteiligt, schreibt es nicht ohne Stolz und Freude: Mit diesem Programm unter dem Titel ‚Vater unser im Himmelreich‘ ist sein Label Ricercar wieder einmal ganz zu seinen Ursprüngen zurückgekehrt. Nämlich zur geistlichen Musik der deutschen Höfe und Städte des 17. Jahrhunderts, ganz vorwiegend protestantischer Prägung.

Wie fast stets in diesen Gefilden des Repertoires ist ein Programm ohne die großartige Düben-Sammlung undenkbar, ist sie doch ein wahrhaft zentraler Baustein für die Überlieferung jener Zeit. Zwei Stränge treten im Programm etwas ...

Saint-Saens, Camille - Werke für Violine und Orchester

8 Oktober, 2018 - 08:16

Erfindungsreichtum und Raffinesse

Technisch einwandfrei, unter dem Aspekt der Gestaltungsmöglichkeiten aber mit Luft nach oben: Tianwa Yang interpretiert sieben kürzere Werke für Violine und Orchester von Saint-Saens.

Das dritte Violinkonzert op. 61 von Camille Saint-Saëns ist ein überragendes Werk, vielleicht das beste Violinkonzert aus der Feder eines französischen Komponisten überhaupt. Nahezu jeder Geiger von Rang hat es in seinem Repertoire, die Anzahl der vorhandenen Einspielungen ist kaum überschaubar. Deutlich seltener gespielt werden dagegen die ersten beiden Konzerte, und auch die übrigen (kürzeren) Stücke für Violine und Orchester fristen eher ein Nischendasein. Noch relativ bekannt sind die 'Havanaise' op. 83 sowie 'Introduction et Rondo capriccioso' op. 28 – zwei Werke, die Geigen-Legende Jascha Heifetz häufig aufführte.

Die vier anderen Kompositionen für Violine und Orchester aus der Feder des Franzosen, die Tianwa Yang hier eingespielt hat, haben echten Seltenheitswert: Der 'Morceau de concert' op. 62, die beiden 'Romances' op...

Sviridov, Georgy - Russia Cast Adrift

7 Oktober, 2018 - 07:45

Epochales Vermächtnis

Wer nach Klangzeugnissen sucht, die man als Spiegel der russischen Seele bezeichnet, wird bei Georgy Sviridov (1915-1998) fündig. Hvorostovsky hat in seinen letzten Tagen einen Liederzyklus von ihm eingesungen – ein Vermächtnis.

Georgy Sviridov (1915–1998) startete zunächst in der Tradition seines Lehrers Dmitri Schostakowitsch, um in Abkehr zur Moderne eine eigene Klangsprache im neoromantischen Stil zu entwickeln. Seine Musik steckt voller sangbarer Melodien. Ohne Scheu nutzt er Elemente, die an die Monumentalwerke eines Rimsky-Korsakow oder Modest Mussorgsky erinnern. Der russische Bariton Dmitri Hvorostovsky begegnete Sviridov 1994. Erstmalig sang er in Moskau in Gegenwart des Komponisten dessen Liederzyklus 'Russia Cast Adrift' in der Fassung für Singstimme und Klavier. In zwölf kurzen Liedern werden in kraftvollen Klanggemälden Bilder eines Landes hörbar, das sich im Aufbruch befindet. Die Texte, die Sviridov verwendete, verfasste Sergei Yesenin (1895–1925) unter dem Eindruck der Umwälzungen in Russland zwischen 1914 und 1920.

Danach ging Hvorostovsky mit diesem Liederzyklus auf Tournee und sp...

Bruckner, Anton und Wagner, Richard - Symphonie Nr.7 / "Das Liebesmahl der Apostel"

5 Oktober, 2018 - 08:58

Geburtstagsgeschenk

Christian Thielemanns Interpretation von Bruckners Siebter verblasst fast hinter der vorbildlichen Darbietung von Wagners 'Liebesmahl der Apostel'.

Ein wenig bedauert man, dass die Edition Staatskapelle Dresden nicht auch SACDs enthält. Die vorliegende Folge 38 – Live-Mitschnitte vom 2. September 2012 aus der Semperoper und vom 18. Mai 2013 aus der Dresdner Frauenkirche – sind aufnahmetechnisch und klanglich so spektakulär, dass man sich neben der absolut vorbildlichen, weit gestaffelten und räumlich hervorragend ausgeleuchteten Stereospur auch eine räumliche ‚Umhüllung‘ wünscht.

Bruckners Siebte Sinfonie zelebriert Christian Thielemann (nach der Haas-Edition 1944) mit großer Sorgfalt und dichter, weiter Dramaturgie. Der Unterschied zu Paavo Järvi, Dennis Russell Davies oder Mario Venzago könnte kaum größer sein. Das ist Bruckner in der Tradition Klemperers, Wands oder Celibidaches, bis in Äste erkundet, von bronze-gedecktem Ton, mit strahlendem Orchesterklang, der in bester Weise die...

Violakonzerte - Werke von Hoffmeister, Stamitz und Haydn

5 Oktober, 2018 - 08:58

Blühende Viola

Standard-Bratschen-Repertoire aus dem Biotop der Wiener Klassik: Andra Darzina liefert als Solistin und Dirigentin eine 'professorale' Referenz-Einspielung in sehr gutem Klangbild.

Die Urban Camerata ist gewissermaßen ein Hochschul-Generationen-Orchester der Musikhochschule Stuttgart aus Lehrern, Studenten und Ehemaligen, gegründet 2013 von der dortigen Bratschen-Professorin Andra Dārziņa (lettisch-australische Wurzeln, seit 2004 in Stuttgart). Man spürt zunächst das Interesse und die Vorbilder Dārziņas beim Dirigieren: Der nicht zu dick besetzte Orchesterpart erinnert etwa an das Klangbild der früheren Academy of St Martin in the Fields unter Iona Brown (es gibt da eine sehr schöne ältere Platte mit Sinfonie concertanti auch von Hoffmeister und Kozeluch unter Iona Brown). Klangfülle und Durchhörbarkeit sind bei sehr flüssigen Tempi immer gewährleistet, was bereits fast alle vorhandenen Konkurrenzaufnahmen dieser unter Bratschern durchaus etablierten Stücke übertrifft. Dārziņa gelingt auch solistisch eine sch&ou...

Corelli, Arcangelo - concerto de la nuit de noel

4 Oktober, 2018 - 08:17

Weichgespült

Ein römisches Ensemble versteht seinen Corelli nicht.

Immer noch versuchen populistische Plattenlabels Arcangelo Corelli mit dem ‚Weihnachtskonzert‘ zu vermarkten. So auch hier, in einer bedenklich ‚weichgespülten‘ Produktion von fünf Concerti aus op. 6, die längst nicht mehr auf den Markt gehören, beschädigen sie doch die Geschmacksbildung jedes Hörers. Selbst in den 1970er- und 1980er-Jahren wurde Corelli nicht so prätentiös, mit wohlig-warmem Orgelfundament dargeboten wie hier. Die Interpretation der Camerata Strumentale Di Santa Cecilia glänzt nicht nur durch geschmackloseste Vibrati, ‚romantisch‘-agogische Verzerrungen, sondern auch intonatorische Ungenauigkeiten, die jedem, der die CD gehört hat, zur Warnung gereichen werden, Konzerte des Ensembles in Rom tunlichst zu meiden – auch wenn beim Liveerlebnis vielleicht der Raumeindruck (der sich hier gelegentlich nur als wabernde Reverberenz ma...

Mitteldeutsche Orgelromantik - Werke von Rinck, Mendelssohn, Merkel und Ritter

4 Oktober, 2018 - 08:17

Mitteldeutsche Orgelromantik

Wer glaubt, dass die Orgelmusik sich zur Zeit der Romantik auf Mendelssohn-Bartholdy und Max Reger beschränke, wird hiermit eines Besseren belehrt. Außer Mendelssohn wurden drei andere, zumeist unbekannte Komponisten eingespielt.

‚Thema und Variationen‘ könnte die Überschrift über diese CD lauten. Keines der eingespielten Werke kommt ohne Variationsreihen aus. Christian Heinrich Rinck (1770–1846) ist der erste der zumeist unbekannten Komonisten. Orgelschüler allerdings kennen ihn, weil er in seiner Orgelschule viele kurze Stücke für den Anfangsunterricht komponiert hat. Hier sind es Variationen über das Thema 'Ah! vous dirai-je, maman'. Das ist mutig, weil ein anderer, nämlich Mozart, das Thema bereits variationenreich behandelt hat. Bei uns ist es als Weihnachtlied bekannt: 'Morgen kommt der Weihnachtsmann...'. Der Melodieverlauf wird nicht angetastet, die Melodie wird lediglich koloriert. Die Variationen finden sich vor allem in der Begleitung. Ein Fugato schließt das Werk ab. Die erforderliche Virtuosität ist sehr hoch anzusetzen. Eine Musik zwischen Klassik und Romantik.<...

Telemann, Georg Philipp: Fantasien für Gambe solo - Richard Boothby, Viola da Gamba

3 Oktober, 2018 - 07:42

Gamben-Glücksfall

Es ist kein Wunder, dass ein großer Gambist nach dem anderen mit 'seinem' Telemann auf den Markt kommt. Richard Boothby überzeugt hier mit all seiner Erfahrung: nobel und gelassen in der Geste.

Es kommt nicht alle Tage vor, dass ein so gewichtiges Konvolut voller hochidiomatischer Musik für ein Soloinstrument zu Tage kommt wie im Jahr 2015 die zwölf Fantasien für Viola da gamba solo von Georg Philipp Telemann: Entdeckt wurden sie in der Osnabrücker Ledenburg-Sammlung, ein vollständiger Druck, der dann rasch erstmals von Thomas Fritzsch eingespielt und in Konzerten bekanntgemacht wurde. Die Musik zeigt Telemann als Meister auch dieses Instruments – idiomatisch in die Möglichkeiten fast aller zeitgenössischen Instrumente hineinzuschreiben war eine der vielleicht größten Stärken dieses wunderbaren Komponisten. So ist auch diese 1735 gedruckte Sammlung voller latenter oder realer Mehrstimmigkeit, fordert sie die Gestaltung flinken Passagenwerks ebenso wie die edler Kantilenen. Interessant, dass entgegen manch böswilligem Vorurteil dem Komponisten gegenüber gerad...

Summer Night - Orchesterwerke von Othmar Schoeck

2 Oktober, 2018 - 07:13

Schweizer Schwelgen

Ein warmer samtiger Streicherklang und eine ausbalancierte Melancholie. So klingt das Schweizer Kammerorchester I Tempi, das mit seiner zweiten Einspielung ein Statement abgibt: für Othmar Schoeck, einen verkannten Spätromantiker.

Der verspätete Schweizer Spätromantiker Othmar Schoeck (1886–1957) gehört immer noch zu den verkannten Komponistenpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Erschwerend hinzu kommen noch die Schatten, die seine Anbiederung an den nationalsozialistischen Kulturbetrieb auf sein Schaffen werfen. Nichtsdestotrotz deutet einiges auf ein allmählich ansteigendes Interesse hin: Die Peter-Konwitschny_Inszenierung seiner jugendlich vorwärts stürmenden Oper 'Penthesilea' aus den 1920er Jahren hat jüngst an der Oper Bonn für einiges Aufsehen gesorgt hat. Manch Zuhörer, der mit der Klangwelt von Strauss und Zemlinsky vertraut war, zeigte sich überrascht, wie psychologisierend, vielschichtig und vor Klangfinessen nur so sprühend dieses Werk eines unbekannten Schweizers daherkam.

Seine späte Oper 'Das Schloss Dürande' (1943) versucht man in der Schweiz...

Froberger, Johann Jacob - 23 Suiten für Cembalo

2 Oktober, 2018 - 07:13

Winzige Suiten

Kaum vier Minuten und doch schon ein Suite. Geht nicht? Geht doch. Und das gleich vielfach.

23 Cembalosuiten plus ein paar Bonustracks auf einer Doppel-CD – das kann doch nicht funktionieren. Doch, kann es, denn Johann Jacob Frobergers Cembalosuiten dauern fast nie sieben Minuten, häufig nicht einmal vier. Dennoch sind sie mindestens dreisätzig. Und sie geben einen wichtigen Eindruck in die Musik für Tasteninstrumente der Mitte des 17. Jahrhunderts (und machen mit verständlich, warum etwa Domenico Scarlattis Sonaten so kurz sein konnten wie sie sind).

Cembalist Glen Wilson muss essenzielle Informationen seiner Bookletinformationen ins Internet auslagern, was aber den editorischen Wert dieser Produktion nicht schmälern soll. Wilson arbeitet mit den Originalhandschriften und vermittelt nicht nur intime Kenntnis der Quellen und Verständnis und Liebe für die Musik, sondern hat sich für die Vorbereitung der Produktion hörbar viel Zeit gelassen. So gelingt ihm eine Eins...

Joseph Calleja singt - Arien von Giuseppe Verdi

1 Oktober, 2018 - 08:50

Wenig zwingend

Callejas Verdialbum mit vielen Partien, bei denen er wenig Bühnenerfahrung hat, hinterlässt einen etwas zwiespältigen Eindruck.

Ein großer Reiz eines Soloalbums mit Tenorarien von Giuseppe Verdi könnte für einen Sänger darin liegen, dass er sich ausprobieren kann. Er kann Stücke einspielen, die er auf der Bühne noch nicht gesungen hat und vielleicht auch nie singen wird. Weil die Partie z. B. zu lyrisch oder zu dramatisch für seine Stimme ist. Ein solches Verdi-Album legt nun der sympathische maltesische Tenor Joseph Calleja bei Decca vor. Es enthält Partien, die Calleja, wenn ich richtig sehe, zumindest in den letzten Jahren nie als ganze Partien live gesungen hat und bei denen teilweise auch fraglich ist, ob er, der ja eher lyrischer Tenor oder ein Tenore spinto ist, sie je wird singen können: Das gilt weniger für den Radames aus Verdis 'Aida', Manrico aus dem 'Trovatore' oder Alvaro aus der 'Macht des Schicksals' – aber sicher für die Partie des Otello, die ja eine klassi...

Wagner, Richard - Der Ring ohne Worte

1 Oktober, 2018 - 08:50

Für Wagnerfans eine Stummfilm-Oper im Kopf

Hansjörg Albrecht hat sich Lorin Maazels Version des 'Rings ohne Worte' vorgenommen. Am Pult der Staatskapelle Weimar belegt er die Intensität der Bildkraft von Wagners Klangsprache.

Wieland Wagner brachte Lorin Maazel Mitte der 1980er Jahre auf die Idee, im 'Ring'-Zyklus die Arien auszublenden und einzig sprechen zu lassen, was viel Zündstoff barg: die rein orchestralen Teile der vier abendfüllenden Opern eben, redselig durch die dichte Verflechtung der Leitmotive und durch jene musikalischen Elemente, die erzählen, kommentieren, deuten, was auf der Bühne gesungen wird. In der vorliegenden Einspielung, in welcher die Sängerpartien gestrichen sind, wird die Phantasie des Wagner-Kenners beflügelt, Szenen nach eigener Vorstellung zur Musik zu schaffen, im besten Sinne entsteht so eine Stummfilmoper im Kopf.

Die Staatskapelle Weimar lässt keine Wünsche offen. Hansjörg Albrecht entlockt zarteste Töne, formt in spannungsgeladenen Tempi Szene auf Szene und schreckt nicht vor extremen Ausbrüchen zurück. Die Staatskapelle folgt Albrecht ohne je...

Lukaszewski, Pawel: Daylight declines - Chorwerke - Tenebrae, Nigel Short

29 September, 2018 - 07:41

Starke Stimmen

Mit Pawel Lukaszewski kommt eine wirklich interessante, eigenständige Stimme zu Gehör, die gleichermaßen kompositorische Ambition verkörpert wie sie dem Publikum zugewandt ist. Großartig gesungen von Tenebrae.

Das vom ehemaligen King‘s Singer Nigel Short gegründete und zu reichem Erfolg geführte Vokalensemble Tenebrae hat weit ausgreifend über Epochen hinweg Akzente im Repertoire gesetzt – mit einer Bandbreite von Tomás Luis de Victorias Requiem bis zur Hochromantik von Brahms und Bruckner. Und noch darüber hinaus bis zu einer ästhetisch nicht extremen Moderne, die sich der Traditionen bewusst ist und zugleich davon emanzipiert. Das führt zum Komponisten der aktuell bei Signum Classics erschienenen Platte, zum 1968 geborenen Polen Paweł Łukaszewski. Der bezeichnet seine Musik selbst als einer erneuerten Tonalität zuzurechnen und sieht sich in der polnischen Tradition von Lutosławski, Penderecki und Górecki genauso wie in der Nachfolge Arvo Pärts.

Man sollte sich vom Begriff der Tonalität nicht zu früh in die Irre führen lassen: Es ist ...