neue Klassik-CDs

Inhalt abgleichen klassik.com CD-Besprechungen
Aktuelle Klassik-Besprechungen. Jetzt als Newsfeed abonnieren und immer auf dem Laufenden bleiben.
Aktualisiert: vor 54 Minuten 24 Sekunden

Galilei, Michelangelo - Il Primo Libro d'Intavolatura di Liuto

25 Mai, 2018 - 23:32

Der jüngere Galilei

Axel Wolf, Kammermusiker, Begleiter und Ensemblepartner von Rang, beweist mit Michelangelo Galileis Musik, dass er auch solistisch glänzen kann.

Die Galileis waren eine vielseitig begabte Familie: Die musische Begabung, in Theorie und Praxis ausgeprägt, kam von Vater Vincenzo. Und der berühmte Sohn Galileo reüssierte als einer der größten Gelehrten der Neuzeit auf vielen Feldern. Dessen jüngerer Bruder Michelangelo (1575-1631) schließlich wurde Lautenist und war als solcher lange Jahre erfolgreich am Münchner Hof beschäftigt. Er hat selbstverständlich Kompositionen hinterlassen. Und man könnte angesichts des theorielastigen Vaters und des naturwissenschaftlich geprägten Bruders argwöhnen, hier erklänge Musik, die noch deutlich der früheren Zuordnung dieser Kunst zu den mathematischen Wissenschaften nachfolgte und damit so etwas wie Klang gewordene Naturwissenschaft sei. Doch weit gefehlt: Michelangelo Galilei schrieb moderne, monodisch inspirierte Sätze von feinem Klangsinn und expressiven Quali...

Neuwirth, Olga - Goodnight Mommy

25 Mai, 2018 - 23:32

Horror aus Österreich

Für Sommerfeste auf keinen Fall zu empfehlen: Olga Neuwirths düsterer Soundtrack zu 'Ich seh Ich seh'.

Der psychologische Horrorfilm 'Ich seh Ich seh' ('Goodnight Mommy' lautet der englische Titel) von Veronika Franz und Severin Fiala gehörte 2014 ohne Zweifel zu einem der stärksten Beiträge des Jahres. Wieder einmal zeigte sich, dass aus Österreich stets mit besonders abgründigen Filmkunstwerken zu rechnen ist. Olga Neuwirths Soundtrack trägt zur atmosphärischen Dichte des Films in nicht unerheblicher Weise bei. Jener liegt auf diesem Album um gleich 13 Stücke ergänzt vor, die nicht im Film verwendet wurden.

Der präzise Booklet-Text von Stefan Drees beschreibt die verschiedenen Elemente der überwiegend klangflächig gehaltenen Stücke und ihr Zusammenwirken: Entfremdete Zitate aus Kinderliedern und von Franz Schubert, die Vermischung und Verzerrung natürlicher Klangquellen wie Glasharmonika, Klavier, Singende Säge oder Knabenstimmen unt...

Handel's Last Prima Donna: Giulia Frasi in London - Arien von Händel, Ciampi, Arne und Smith

25 Mai, 2018 - 23:32

Wahrhaftigkeit und Tiefe

Rundum beglückende Interpretationen bietet die junge Sopranistin Ruby Hughes mit Repertoire aus dem London der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

Eine spannende Programmzusammenstellung zeichnet das Schaffensspektrum einer Sängerin nach, die im London des 18. Jahrhunderts gut bekannt war, die aber heute in der Bekanntheit weit hinter andere hat zurücktreten müssen. Giulia Frasi, deren Schaffenszeitraum in die Jahre 1740-1774 fällt (genaue Lebensdaten sind nicht bekannt), erhielt ihre Ausbildung mutmaßlich in Mailand, war dann vor allem in Norditalien tätig, ehe sie seit 1742 in London nachgewiesen ist. Sie war, das erläutert das Booklet ausführlich, weit mehr als Händels letzte Primadonna für die späten Oratorien, gleichzeitig verfolgte sie eine erfolgreiche Opernkarriere, und ihre Zweisprachigkeit war für Händel von besonderem Interesse. Nach einem ersten Erscheinen als Händel-Sängerin in der Wiederaufnahme von 'Judas Maccabaeus' 1748 hob sie die Sopranpartien in 'Susanna', 'Solomo...

Gustav Mahler - Sinfonie no. 10

25 Mai, 2018 - 23:32

Einfühlsamer Umgang mit dem Torso

Kann diese Aufführungsfassung von Gustav Mahlers Zehnter Sinfonie bestehen?

Die Antwort auf die Frage, ob hier die beste Aufführungsfassung von Mahlers Sinfonie Nr. 10 vorliegt, kann nur 'keine Ahnung' lauten. Wer kann das schon wissen? Wer weiß denn mehr als Mahler selbst? Ebenso wie der Dirigent, Realisator und Weiterentwickler des Materials von Mahler Yoel Gamzou persönlich wird, sei dies auch mir als Rezensenten gestattet. Lange schon setze ich mich mit der Musik Gustav Mahlers auseinander und habe es ebenso lange verweigert, mich mit den Aufführungsfassungen der Zehnten Sinfonie, von der es beileibe viele gibt, auseinanderzusetzen. Ein Fehler, wie sich vor fast drei Jahren herausstellte, aber ein doch nachvollziehbarer, wenn man bedenkt, dass mit diesen Fassungen viel vorliegt, nur eben nie das, was Mahler letztlich getan hätte.

Was sich über die bei Wergo erschienene Platte mit dem International Mahler Orchestra unter Yoel Gamzou sagen lässt, ist, d...

Czerny & Bruch - Konzerte für Klavier vierhändig & zwei Klaviere

25 Mai, 2018 - 23:32

Voller Leben und Quirligkeit

Das Klavierduo Genova & Dimitrov legt erneut eine Platte mit raren Konzerten vor. In diesem Fall werden Werke von Carl Czerny und Max Bruch mit viel Schwung und absoluter Perfektion gespielt.

Beide Konzerte dieser neuen Platte sind hoffnungslos altmodisch für ihre jeweilige Entstehungszeit, und das erste davon stammt auch noch von einem Komponisten mit denkbar schlechtem Ruf. Es wurde wohl zwischen 1827 und 1830 geschrieben von Carl Czerny, dessen Name Generationen von Klavierschülern vor allem mit technischen Etüden verbinden, von der ‚Schule der Geläufigkeit‘ bis hin zu den ‚160 achttaktigen Übungen‘. Musik hört man von ihm fast nie, dabei geht die Zahl der Werke des Beethoven-Schülers, wie das Beiheft in epischer Breite darlegt, doch in die Tausende.

Und es findet sich darunter sogar ein Konzert für Klavier zu vier Händen und Orchester, eine Gattung, die wahrlich nicht jeder Komponist ist seinem Katalog stehen hat. Wenn man das Werk so hört, klingt es nach einem freundlichen und etwas harmlosen klassischen Konzert aus dem 18. Jahrhunder...

Andras Schiff live - Werke von Liszt, Brahms, Prokofieff, u.a.

25 Mai, 2018 - 07:26

Durchbruch

András Schiff am Anfang seiner Karriere – nachzuhören auf diesem Mitschnitt des Tschaikowsky-Wettbewerbs 1974.

Mit seinem Erfolg bei dem 5. Tschaikowsky-Wettbewerb 1974 begann die Karriere András Schiffs. Dass er nur den 4. Preis machte, lag möglicherweise einerseits an der harten Konkurrenz (der 1. Preis ging an Andrei Gavrilow), vielleicht aber auch an dem ‚Wettbewerbs-Repertoire‘, das aus heutiger Sicht dem Pianisten Schiff eher fern liegt – der ‚Schlager‘ von Tschaikowskys erstem Klavierkonzert ebenso wie brillantes Solorepertoire von Rachmaninow, Liszt oder Alexander Pirumow, daneben aber immerhin auch Brahms‘ Händel-Variationen, Schostakowitschs Präludium und Fuge Des-Dur op. 87 Nr. 15 und Prokofiews Klaviersonate a-Moll op. 28. Wir haben hier noch einen Pianisten ‚in der Mache‘, der bei Brahms bereits die feinen Töne andeutet, für die er heute berühmt ist; das Forte aber ist noch einigermaßen grobschlächtig. Fraglos aber ist Schiff schon hie...

Agitata - Arien von Vivaldi, Jommelli, Gregori, Porpora u.a.

25 Mai, 2018 - 07:26

Aufregende Sakralmusik

Mit 'Agitata' ist der französischen Altistin Delphine Galou nicht nur ein fulminantes Debüt-Album gelungen, sondern auch eine der aufregendsten Barock-CDs der jüngeren Zeit.

Beim Label Alpha hat die französische Altistin Delphine Galou ihr erstes Solo-Album mit dem Titel ‚Agitata‘ vorgelegt. Wobei es ungerecht wäre, Delphine Galou als einzigen Star des Albums zu bezeichnen, denn in ebenso mitreißender Art und Weise musiziert hier die Accademia Bizantina unter der inspirierten Leitung von Ottavio Dantone. Es ist ein wahres Fest, den beteiligten Musikerinnen und Musikern zu lauschen, wie sie immer wieder solistisch agieren, mit unbändiger Energie und Lust, vergessene Werke dem Staub der Bibliotheken entreißen und ein Feuerwerk der Emotionen entfachen. Ja, Delphine Galous Vokalkunst steht in den Ausschnitten aus Oratorien, Kantaten und Motetten akustisch im Vordergrund, aber beispielsweise im Concert grosso, op. 2 Nr. 2 von Giovanni Lorenzo Gregori zeigt die Accademia Bizantina, wie beredt sie ohne Worte sein kann. Das ist ungemein virtuos und frisch, aber ebenso besee...

Rue, Pierre de la - Messen

24 Mai, 2018 - 07:38

Beiendruckender Klang

Das Ensemble Beauty Farm mit einer extrem gelungenen Interpretation 500 Jahre alter Messen von Pierre de la Rue.

Die Musik strömt ruhig dahin und wirkt, wenn man sie so hört, ungemein meditativ. So gedacht war das allerdings ursprünglich sicher nicht und wäre früher auch nie so geschehen, denn um 1500 war an eine konzertante Aufführung dieser Messen von Pierre de la Rue natürlich gar nicht zu denken, sie hatten ihre liturgische Funktion. Doch die Modelle oder Themen, auf denen sie beruhen, sind uns heute, gute 500 Jahre später, nicht mehr bekannt, und so hören wir die Werke ohnehin anders als ihre Zeitgenossen.

Das Ensemble Beauty Farm hat sich auf einer neuen Doppel-CD vier Messen von Pierre de la Rue vorgenommen, einem Komponisten, über dessen Leben wenig bekannt ist. Die Stimmen werden solistisch gesungen, es sind also nur ein Countertenor, zwei Tenöre und ein Bass beteiligt. Dennoch ist der Klang satt und füllig. Ein absolut beeindruckender Klang, das kann man schon sagen...

Khachaturian, Aram - Sinfonie Nr.2

24 Mai, 2018 - 07:38

Mehr lyrisch als dramatisch

Die Interpretation von Khachaturians Zweiter Sinfonie kann mit den besten Einspielungen des Werks nicht ganz mithalten. Der Bonus wird hier das Besondere.

Gegen harte Konkurrenz tritt die Robert-Schumann-Philharmonie Chemnitz unter Frank Beermann im Fall von Aram Khachaturians Zweiter Sinfonie e-Moll (1943/44) an. Die Interpretation kann insgesamt überraschend gut bestehen, wenn sie auch Temirkanov, Stokowski und vor allem Khachaturian selbst nicht als Referenz ablösen kann, dafür fehlt es der orchestral wohl ausgewogenen, klanglich sorgfältig erarbeiteten Lesart etwas an ‚Biss‘, ist vor allem das Finale nicht spannungsvoll genug. Die eher gediegen-elegante, durchaus tiefgründige Interpretation erlebt ihren Höhepunkt im langsamen Satz, wo die Kontrapunktik und die Linienentwicklung gleichermaßen intensiv herausgearbeitet werden.

Besonderer Bonus sind drei Konzertarien (1946), die Khachaturian für seine Frau Nina Makarova komponierte, in teilweise extrem instrumentaler Satzweise für die Singstimme; hier geht e...

Byrd, William - Motetten

23 Mai, 2018 - 08:16

Lateinische Motetten für den Privatgebrauch

Der Choir of King's College, Cambridge singt geistliche Motetten des englischen Renaissance-Komponisten William Byrd.

19 kleine Motetten des englischen Meisters William Byrd hat der Choir of King‘s College, Cambridge letztes Jahr neu aufgenommen und auf der neuen Platte analog zum Kirchenjahr angeordnet: Insgesamt eine knappe Stunde wunderbare Chormusik a cappella aus der Renaissance.

Der Chor, der hier wie seit 30 Jahren von Stephen Cleobury geleitet wird, ist stolz auf seine inzwischen fast 600-jährige Tradition und wird als ein herausragender Klangkörper gehandelt, dennoch ist der Klang gewöhnungsbedürftig. Wie es bei englischen Kathedralchören üblich ist, werden die Sopranstimmen von Knaben, die Altstimmen von Countertenören gesungen, was natürlich einen völlig anderen Klang zur Folge hat, als man ihn von den meisten Chören hierzulande kennt, zumal die Oberstimmen im Vergleich zu den Bässen (und auch den Tenören) in dieser Aufnahme ziemlich dominant sind. Hinzu kommt ein...

Clementi, Muzio - Sinfonien Nr. 1-4

22 Mai, 2018 - 06:53

Ein neues Kapitel

Ivor Bolton schlägt mit der erfrischenden Einspielunge von vier Sinfonien ein neues Kapitel in der Clementi-Pflege auf.

Die sechs Sinfonien Muzio Clementis lagen bis vor kurzem nur in jeweils drei nicht historisch informierten Einspielungen vor (unter Francesco d’Avalos bzw. Francesco La Vecchia sowie, jeweils unvollständig, unter Claudio Scimone bzw. Matthias Bamert). Ivor Bolton schlägt mit dem Mozarteum Orchester Salzburg nun ein neues Kapitel auf und bläst den ahistorischen Staub, den andere Interpretationen mit sich tragen, auf erfrischende Weise weg. Unter Boltons Händen erweist sich Clementi als weit mehr als ein ‚Nur-Pianist‘ (der er ohnehin nicht war – vor allem war er ein zumeist sehr erfolgreicher Geschäftsmann), und es ist nur zu bedauern, dass die Musiker, die zwar nicht auf alten Instrumenten spielen, deren Verständnis für historische Spieltechniken aber schon deutlich größer ist als in jeder der älteren Einspielungen, keine veritable Gesamtaufnahme von Cleme...

Bach, Johann Sebastian - Sämtliche Orgelwerke

22 Mai, 2018 - 06:53

Ein Kosmos mit Königinnen

Stefan Molardis Gesamtschau des Orgelwerkes von Johann Sebastian Bach: Nicht nur gut, sondern auch günstig.

Stefano Molardis Gesamtschau des Orgelwerkes von Johann Sebastian Bach ist nicht nur die preiswerteste, sondern sie darf zurecht auch als eine der besten Gesamteinspielungen dieses Oeuvres gelten. Das hat drei Gründe. Zum einen hat Molardi für seine erst wenige Jahre alten Aufnahmen gleich vier verschiedene mitteldeutsche Orgeln aus der Bach-Zeit gewählt, die alle unterschiedlich klingen, und deren jeweilige Dispostion im ansonsten extrem dünnen Booklet aufgeführt ist (der rein englischsprachige 21 Seiten umfassende Einführungstext kann online als PDF heruntergeladen werden). Es handelt sich um die eher nach Kammerinstrument klingende Trost-Orgel in der Stadtkirche 'Zur Gotteshilfe' in Walterhausen, die Silbermann-Orgel aus der Hofkirche in Dresden, die Hildebrandt-Orgel von St. Jacobi in Sangershausen sowie um die Thielemann-Orgel in der Dreifaltigkeitskirche in Gräfenheim. Zum anderen sind...

Strauss, Richard - Symphonia domestica / Metamorphosen

21 Mai, 2018 - 07:31

Wehmütiger Rückblick

Dass es das SWR Sinfonieorchester, das sich zweier Strauss-Werke kompetent annimmt, in dieser Form nicht mehr gibt, macht betroffen.

Diese CD mit zwei Tondichtungen von Richard Strauss, der 'Symphonia domestica' op. 53 und den 'Metamorphosen für 23 Solo-Streicher' legt ein Trauerspiel offen, wie es in der Rundfunkorchester-Landschaft hoffentlich nicht Schule macht. Bereits 2012 in einem Anfall eines nur als dumm zu bezeichnenden Sparwahns wurden zwei Orchester zusammengelegt (der SWR ist selbst bekanntlich ein Zusammenschluss zweier Rundfunkanstalten), um letztlich noch mehr Kosten zu produzieren und zwei Orchesterkulturen zu zerstören, die sich in einem Orchester erst einmal finden müssen. Auf dieser Einspielung unter seinem Chefdirigenten François-Xavier Roth zeigt das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg eine seiner Kernkompetenzen.

Die beiden Werke von Richard Strauss, die wohl in anderer Reihenfolge besser auf der Platte platziert worden wären, da der heitere Schluss der 'Symphonia domestica&#...

Einem, Gottfried von - Der Besuch der alten Dame

21 Mai, 2018 - 07:31

Na endlich!

Dieser Mitschnitt der 'Besuch der alten Dame' von Gottfried von Einem ist vor allem ein musikdramaturgisch absolut zwingender Mitschnitt aus Wien, der von der Klasse aller Beteiligten profitiert.

Ein tiefes ‚Na endlich!‘ entfährt mir beim Erscheinen dieser Doppel-CD (mit attraktivem Booklet). Seit der lange vergriffenen CD-Erstveröffentlichung auf Amadeo von 1990 war der Uraufführungsmitschnitt von Gottfried von Einems Oper 'Der Besuch der alten Dame' vom 23. Mai 1971 aus der Wiener Staatsoper ein Desiderat der Diskophilen, sowohl als Vertonung einer veritablen hochkarätigen ‚Literaturoper‘, die aber auch musikalisch äußerst reich und reizvoll ist (gerade die Titelrolle scheint immer wieder dem früheren Wiener Hofoperndirektor Gustav Mahler die Reverenz zu erweisen). Die Neuveröffentlichung auf Orfeo d’Or bietet neues Remastering der Originalbänder und die sinnvollere Verteilung des Werks auf zwei statt drei CDs. Das dynamische Spektrum ist so noch offener als auf der Erstveröffentlichung, der räumliche Klangeindruck noch stärke...

Schütz, Heinrich - Kleine geistliche Konzerte II (Gesamteinspielung Vol. 17)

20 Mai, 2018 - 08:01

Zweiter Streich

Ein großes Andenken an Rémy und eine schöne Würdigung eines kompositorischen Solitärs im Werk Heinrich Schütz'.

Schon die als siebter Teil der Schütz-Gesamteinspielung bei Carus erschienene erste Folge der 'Kleinen geistlichen Konzerte' hatte zu höchstem Lob Anlass gegeben. Jetzt endlich liegt der 1639 gedruckte zweite Teil vor. Und die Deutung des kleinen Vokal- und Instrumentalensembles unter der Leitung des im vergangenen Juni verstorbenen Ludger Rémy steht der ersten Folge nicht nach. Der Leiter der gesamten Reihe, Hans-Christoph Rademann, würdigt Rémy in einer knappen, klarsichtigen und unsentimentalen Einführung als Musiker, dem Schütz und dessen Musik, Fixsternen gleich, prägend wurden. Rademann beklagt den Verlust des kreativen Freundes als den eines musikalischen Genies. Eines Mannes, dem praktische und theoretische Durchdringung gleichermaßen wichtig waren, dem als forschendem Musiker intellektuelle Türen offenstanden, durch die er als Interpret seine Mitstreiter hindurch...

The Bach Circle - Orgelwerke von Kittel, Krebs, Vogler, Walther u.a.

19 Mai, 2018 - 07:50

Bach und sein Kreis

Eine Silbermann-Orgel jenseits der Alpen, das ist schon etwas Besonderes. Auf dem nachgebauten, gut klingenden Instrument und mit Werken von Komponisten aus dem Schülerkreis um J. S. Bach weiß der ausübende Künstler Emanuele Cardi zu überzeugen.

Das Instrument, das für diese Aufnahme (Brilliant classics) mit Orgelwerken von Komponisten aus dem Schülerkreis Johann Sebastian Bachs herangezogen wurde, steht in der 1635 erbauten Chiesa di San Martino, der kleinen Dorfkirche der bis Ende 2015 eigenständigen Südtiroler Gemeinde Cimego (heute mit zwei weiteren Orten vereint zu Borgo chiese). Diese Kirche erhielt 2014 oberhalb des Eingangs eine neue Orgel und hierbei ungewöhnlicherweise eine neuzeitliche Kopie eines Instruments von Gottfried Silbermann, des wohl bedeutendsten mitteldeutschen Orgelbauers der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Der Veroneser Orgelbauer und Orgelrestaurator Giorgio Carli hat für das Instrument in Cimego die Maße sämtlicher Pfeifen der aus dem Jahr 1741 erhaltenen zweimanualigen Silbermann-Orgel in Großhartmanndorf genauestens vermessen und deren erhaltener Disposition (19 Stimmen in Hauptwerk, Positiv...

Reznicek, Emil Nikolaus von - Benzin

19 Mai, 2018 - 07:50

Verspätete Uraufführung

Die Ouvertüre zu Emil Nikolaus von Rezniceks Oper 'Donna Diana' ist bekannt. Aber seine Oper 'Benzin' von 1929, eine moderne Odysseus/Circe-Adaption?

Das mit dem Opernschaffen von Emil Nikolaus von Reznicek (1860-1945) ist so eine Sache: Vermutlich kennen die allermeisten die Ouvertüre zu seiner Widerspenstigen-Zähmung-Oper 'Donna Diana', 1894 in Prag uraufgeführt und dank der späteren Zweitverwertung in der TV-Sendung 'Erkennen Sie die Melodie?' unsterblich geworden. Aber die anderen Opern – von den Sinfonien, Tondichtungen, Schauspielmusiken usw. ganz zu schweigen – sind nicht im allgemeinen Gedächtnis hängen geblieben, nicht mal als Stücktitel. Auch das 1929 komponierte ‚heiter-phantastische Spiel mit Musik in zwei Akten‘ mit Titel 'Benzin' ist ein großes Fragezeichen. Es wurde erst 2010 in Chemnitz uraufgeführt, nachdem das Notenmaterial über diverse Weltkriegsumwege in der Nationalbibliothek Wien gefunden worden war. Von dieser Uraufführungsproduktion liegt nun eine versp&a...

Vivaldi, Antonio - Gloria

18 Mai, 2018 - 08:35

Dichtes Bündel

Hervé Niquet findet in Vivaldis Chorwerken ungewohnte Klangfacetten.

Der französische Dirigent Hervé Niquet hat sich in der Musikwelt einen Namen gemacht als historisch reflektierter und sattelfester sowie gleichzeitig geistig ungemein frischer Neudeuter bekannten Repertoires. Ihm geht es, das wird an der schieren Lebendigkeit seiner Einspielungen deutlich, nicht darum, Geschichte dogmatisch in die Gegenwart zu hieven, sondern darum, aus der Kenntnis des Vergangenen ungewohnte Zugänge für die Gegenwart zu erschließen.

Seine Einspielung von Antonio Vivaldis 'Gloria' (RV 589) sowie 'Magnificat' (RV 610A), erschienen bei Alpha, ist hierfür ein leuchtendes Beispiel. Niquet nimmt den besonderen Chorsatz der Werke, die Vivaldi für den Chor der Ospedale della Pietà geschrieben hat, zum Anlass, nach historischem Vorbild nur Frauenstimmen zu besetzen. So bündeln sich die fein schattierten hellen Stimmfarben zwischen Sopran I ...

Cage, John - Sonaten & Interludien

18 Mai, 2018 - 08:35

Interpretation der Spitzenklasse

Der französische Pianist Cédric Pescia überzeugt mit einer faszinierend nuancierten Zugang zu Cages 'Sonaten und Interludien für präpariertes Klavier'.

Die 'Sonaten und Interludien für präpariertes Klavier' gehören zweifelsohne zu John Cages‘ bekanntesten Zyklen und experimentieren mit damals völlig neuartigen Methoden und Klängen. So wird das Instrument in den 20 Kompositionen beispielsweise mit Schrauben zwischen den Saiten oder Radiergummis bestückt, sodass der Ton einzelner Tasten seinen typischen Klang verändert. Cage beschäftigte sich Anfang der 1940er Jahre mit traditioneller östlicher Musik und den Schriften der Kunsthistorikerin Ananda Coomaraswamy. So entstand die Idee, den Zyklus von Sonaten und Interludien als musikalische Umsetzung der acht indischen Ästhetik-Prinzipien (Rasa) zu betrachten: Liebe, Humor, Wut, Pathos, Ritterlichkeit, Angst, Abscheu und Verwunderung finden in den Miniatur-Stücken ihre musikalische Verwirklichung, ohne jedoch einzelnen Titeln zugeordnet zu sein.

Céd...

Reminiscenza - Klavierwerke von Beethoven, Medtner, Schumann und Ravel

17 Mai, 2018 - 06:59

Viel Wohlklang, Harmonie und russiche Seele

Die russische Pianistin Ludmila Berlinskaya glänzt mit klassischem Rezitalprogramm: Beethoven, Medtner, Schumann und Ravel.

Die russische Konzertpianistin Ludmila Valentinovna Berlinskaya (* 1960) ist kein unbeschriebenes Blatt. Ihre nicht allzu umfangreiche Diskografie beginnt 1985, als sie gemeinsam mit Swjatoslaw Richter (im Klavierduo) beim Moskauer Musikfestival December Nights für das Label Melodiya aufnahm. Ihr Vater Valentin Berlinsky war über sechs Jahrzehnte Cellist des weltberühmten Borodin-Quartetts. So hatte die Tochter stets Zeit und Gelegenheit, an der professionellen Lehr- und Konzerttätigkeit ihres Vaters teilzuhaben. In letzter Zeit gab es einige Neueinspielungen der Tochter, sowohl im Klavierduo mit Arthur Ancelle als auch solistisch. Vornehmlich widmete Berlinskaya ihre Programme den großen russischen Meistern wie Skrjabin oder Prokofjew. Ihre neueste, wiederum für Melodiya produzierte CD – die Scheibe sieht witzigerweise aus wie eine alte Vinyl-Platte – wurde vom 30. Juni bis zum 2. Juli...